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Behörde für Schule und Berufsbildung

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Landeszentrale für politische Bildung Hamburg

Johannes Saß

(4.9. 1889 Hamburg – 31.12.1971 Hamburg)
Schulleiter der Schule Hohe Weide 12, Heimatforscher und niederdeutscher Schriftsteller, Moderator von Veranstaltungen und Lesungen auch im Ohnsorg-Theater
Blankeneser Hauptstraße 101 (Wohnadresse, 1939)

Dr. Hans-Peter de Lorent hat das Portrait über Johannes Saß verfasst und in seinem Buch „Täterprofile Band 2“ veröffentlicht.

Eine rührige Person in der Weimarer Republik im Hamburger Schulwesen war Johannes Saß gewesen. Aus einfachen Verhältnissen über das Lehrerseminar Volksschullehrer geworden, hatte Saß studiert, promoviert und sich als Führer der rechten ­Lehrerorganisation „Aufbau“ gegenüber der „Gesellschaft der Freunde“ und später auch dem NSLB als streitbar erwiesen. Saß war erkennbar profilierungssüchtig und eitel, aber auch ein launiger Plauderer und Autor im Kontext der niederdeutschen Sprache. 1933 trat er, sicherlich aus Opportunismus und um seine gesellschaftliche Stellung als Schulleiter zu halten, sofort in die NSDAP ein und wurde dort vielfältig aktiv. 1945 versuchte sich Johannes Saß herauszureden, reichte Leumundszeugnisse ein, die keinen Entnazifizierungsausschuss überzeugten, da Saß wie kein zweiter in solchen Verfahren anmaßend und arrogant auftrat. Er wurde mit der Schulleiterpension in den Ruhestand geschickt, machte weiter Furore im Rahmen niederdeutscher Veranstaltungen und Dichtertagungen und blieb schriftstellerisch aktiv.

Johannes Saß wurde am 4.9.1889 als Sohn des Gastwirts Carl Saß in Hamburg geboren.1 „Seine Wiege stand mitten in Hamburgs Innenstadt, und der Vater hatte eine Gastwirtschaft, in der die Paketfuhrleute verkehrten. Hier sprach man nur Platt, und das wirkte nachhaltig auf das ganze Leben von Johannes Saß“, wie es das „Hamburger Abendblatt“ in der Rubrik „Menschlich gesehen“ 1969 formulierte.2

Johannes Saß besuchte bis zu seinem 15. Lebensjahr die Volksschule in Hamburg, wechselte in die auf den Lehrerberuf vorbereitenden Präparandenanstalten in Uetersen und Eisleben und anschließend in das Lehrerseminar in Quedlinburg im Harz. Dort absolvierte er am 1.3.1911 die erste Lehrerprüfung und bekam danach eine Anstellung an der preußischen Mittelschule in Oschersleben. 1911 wurde er in den hamburgischen Schuldienst übernommen als Hilfslehrer an der Schule Sieldeich , auf der Veddel. Er besuchte die Oberrealschule vor dem Holstentor, wo er am 27.2.1913 die Reifeprüfung bestand. Am 13.5.1914 legte er die zweite Lehrerprüfung ab.3

Um ein Studium der neueren Philologie und Geschichte an der Universität Kiel zu beginnen, kündigte er seine Lehrerstelle, wurde aber schon im Februar 1915 zum Kriegsdienst eingezogen. In seinem Lebenslauf in der Personalakte notierte er: „Durch den Krieg wurde ich fünf Jahre von Deutschland ferngehalten, die ich teils im Osten, teils im Westen, teils in französischer Gefangenschaft verbrachte.“4 Aus der Kriegsgefangenschaft hatte er sich am 28.4.1918 an die Hamburger Oberschulbehörde mit einer Bitte gewandt: „Der Unterzeichnete bittet ergebenst, ihm einen Ausweis darüber auszustellen, daß er seinem Berufe nach zu den Intellektuellen gehört. Ich war seit 1. Oktober 1911 in Hamburg, Sieldeich 28, als Hilfslehrer beschäftigt und wurde im Februar 1915 von der Militärbehörde einberufen. Seit 1.Oktober 1915 in Gefangenschaft, möchte ich vermeiden, in Bergwerken usw. zur Arbeit herangezogen zu werden. Ganz ergebenst Johannes Saß.“5

Johannes Saß kehrte erst 1920 aus der Gefangenschaft zurück, hatte somit über viereinhalb Jahre dort verbracht und war vorher lediglich ein halbes Jahr im „aktiven Kriegsdienst“ als Grenadier gewesen. Eine Tatsache, die er in seinen Lebensläufen nie so explizit benannte, weil er das möglicherweise als nicht besonders ehrenhaft ansah. Das Thema Krieg und Frankreich sollte später noch eine besondere Rolle spielen.

Nach seiner Rückkehr wurde Johannes Saß am 1.April 1920 wieder in den Schuldienst übernommen und absolvierte parallel, nun an der Universität Hamburg, ein Studium. Seine Fächer waren Niederdeutsch, Hochdeutsch und Geschichte. Nebenbei hörte er neusprachliche und philosophische Vorlesungen und engagierte sich politisch: „Schon während meines Studiums, vor allem aber nach dessen Abschluß, nahm ich teil am schulpolitischen Leben, da ich seit 1922 dem Schulbeirat angehöre und seit zwei Jahren Vorsitzender einer Fraktion bin“, schrieb er in seinem Lebenslauf nach seiner am 31.10.1928 bestandenen Prüfung für das Lehramt an der Volksschule.6

Am 23.9.1928 wurde Johannes Saß mit einer Dissertation zum Thema „Die Sprache des niederdeutschen Zimmermanns, dargestellt auf Grund der Mundart von Blankenese (Holstein)“ promoviert. In dem im Kontext der Promotion verfassten Lebenslauf bedankte sich Johannes Saß „ganz besonders bei Frl. Professor Lasch für die vielfältigen Anregungen bei der Abfassung meiner Dissertation“.7 Dies sollte später noch eine besondere Bedeutung bekommen, da Agathe Lasch als Jüdin von den Nationalsozialisten verfolgt wurde und Johannes Saß ein Schreiben zugunsten von Agathe Lasch unterzeichnete. Der Prüfungskommission für die erste Lehrerprüfung gehörten die Professoren Borchling, Deuchler und Cassirer an, deren Wege bald darauf in verschiedene Richtung gingen. Gustaf Deuchler wurde ein fanatischer Nationalsozialist, Conrad Borchling ein angepasster Nationalsozialist und Ernst Cassirer musste als Jude emigrieren.8

Die Schulbehörde wies Johannes Saß der Volksschule für Mädchen Hohe Weide 12 zu, an der er die Prüfung für die feste Anstellung am 15.3.1930 erfolgreich absolvierte. Kurz darauf wählte ihn das zwölfköpfige Kollegium zum Schulleiter.9

Saß entfaltete umfangreiche Aktivitäten außerhalb der Schule. Neben seiner Arbeit in der Selbstverwaltung des Hamburger Schulwesens, insbesondere im Schulbeirat, schrieb er zahlreiche Aufsätze zu schulpolitischen und heimatkundlichen Themen und zu Fragen der niederdeutschen Sprachpflege. So veröffentlichte er beispielsweise größere Aufsätze in der Hamburger Lehrerzeitung 1926 und 1927 zu den Themen „Ein Jahr Abschlußklasse“ und „Von Sitzenbleibern und Sonderklassen“.10 Sein heimatkundliches Buch „Die Elbe von Hamburg bis Cuxhaven“ erschien 1931.11

Johannes Saß versuchte als Führer der Gruppe „Aufbau“, die sich im Laufe der Weimarer Republik immer weiter nach rechts entwickelte, sich gegenüber dem NSLB abzugrenzen. In seinem späteren Entnazifizierungsverfahren wies er darauf ganz besonders hin:

„Im NS-Lehrerbund habe ich kein Amt bekleidet, obgleich ich als ehemaliger Führer des ‚Aufbau‘, einer Gruppe, die seinerzeit ein Drittel aller Sitze in der Lehrerkammer innehatte, wohl dazu imstande gewesen wäre. Man mochte mich dort nicht, weil ich den Herren Schulz und Mansfeld gegenüber die Politisierung der Schule von Anfang an bekämpft habe. Man hatte dort auch niemals vergessen, dass ich mich noch im November 1932 in einer Wahlversammlung so eindeutig gegen die Ansprüche der NSDAP aufgelehnt hatte, daß ich wiederholt niedergeschrien wurde.“12

Als Beleg dafür gab Johannes Saß eine Kopie des Berichtes von dieser Versammlung aus dem von ihm herausgegebenen Blatt „Aufbau“ zu den Akten. Darin wurde der von Johannes Saß geschilderte Auftritt allerdings mit keinem Wort erwähnt:
„Der Referent hielt eine richtiggehende Wahlrede. Wie ihm von den verschiedenen Debattenrednern unter der Zustimmung eines Teiles der Versammlung attestiert wurde, hatte er von seinem Thema ‚Die Schule im Dritten Reich‘ so gut wie nichts gebracht. Er sagte dagegen, die NSDAP hätte wohl ein vollständiges Schulprogramm, würde es aber erst bekanntgeben, wenn sie an die Macht gelangt wäre. Diese Forderung auf Vorschuß an Vertrauen ist eine ganz ungeheuerliche Zumutung. Sie wird nur verständlich wenn man liest, daß Hitler in ‚Mein Kampf‘ die Masse der Geführten als eine ‚Hammelherde von Hohlköpfen‘ bezeichnet. Das hat aber noch keine Partei der Lehrerschaft zu bieten gewagt. Wir glauben ja gerne, daß nach Meinung der Partei diese Kenntnis des Schulprogramms gegebenenfalls vollständig überflüssig sein werde, da ja restlos alles verordnet würde und sich niemand mehr Gedanken machen brauchte. Wir glauben ja auch gern, was so erzählt wird, daß die NSDAP die Liste der neuen Schulleiter für Hamburg fertig hat, umso mehr als der Referent bekannt gab, daß bei ihm in Braunschweig die Schulleiter von der Regierung eingesetzt würden. Wir verstehen nur nicht, wie sich dieses autoritative Gebaren mit der vorgetragenen Erklärung verträgt, daß der Führer alle Mal schicksalhaft aus der Masse herauswachse.“13

Darüberhinaus hatte der „Aufbau“ spitz festgestellt: „Am Vorstandstisch ein Kollege in SA-Uniform, der einstmals dem Aufbau vorwarf, er bekenne sich zum Schatten der Simultanschule; nun deckte er mit Leib und Leben den Redner, der die Bekenntnisschule ablehnte. Oder, daneben ein anderer SAler, der einmal Selbstverwaltung als ‚unbedingt erforderlich‘ bezeichnete und sich nun für das autoritäre Schulregiment einsetzte. Im Saale unter den Mitgliedern ein Professor, der einmal öffentlich für die Beseitigung des Religionsunterrichts aus der Schule eintrat und sich nun doch notgedrungen auch für die christlichen Grundsätze in der Erziehung betätigen muß. Und noch so mancher andere Paulus, der einst als Saulus das verfolgte, was er heute anbetet. Und dabei standen 50 kriegerische SA-Leute am Ende des Saales und schützten die ‚Lehrerversammlung‘.“14

Es ist somit nicht verbrieft, dass Johannes Saß in dieser Versammlung „niedergeschrien“ worden war. Aber er war verantwortlich für diesen Artikel und hatte möglicherweise bei dem Hinweis, dass „die NSDAP eine Liste der neuen Schulleiter in Hamburg fertig hat“ um seinen Namen auf dieser Liste gefürchtet. So wurde auch Johannes Saß zum Paulus. Er trat zum 1.5.1933 in die NSDAP ein und mehr noch: Am 10.4.1933 forderte er mit einer Unterschriftensammlung die Mitglieder der Gesellschaft der Freunde dazu auf, sich für eine Gleichschaltungs-Hauptversammlung einzusetzen, mit dem Tagesordnungspunkt: „Der Vorstand der Gesellschaft stellt seine Ämter zur Verfügung“. Die Begründung von Johannes Saß: „Eine einfache Erklärung bisheriger Mitglieder der sozialdemokratischen Partei, jetzt im nationalen Geist arbeiten zu wollen, genügt nicht.“ Vorgeblich ging es ihm darum, die staatliche Beschlagnahmung der Kassen und des Curiohauses damit zu verhindern.15

Johannes Saß trat folgerichtig auch unmittelbar in den NSLB ein und schon im Dezember 1933 lud der Ortsgruppenleiter des NSLB in Blankenese, Bruno Peyn, zu einer Ortsgruppenversammlung ein, mit dem Referenten Johannes Saß zum Thema: „Deutsche Geschichte, nationalsozialistisch gesehen“.16

Selbstverständlich stand Johannes Saß somit auch auf der Schulleiterliste, die der neue Schulsenator Karl Witt am 11.7.1933 vorlegte. Saß blieb Leiter der Schule Hohe Weide 12.17

Und, einmal zum Paulus geworden, schritt die politische Aktivität kräftig voran. Vom 9. bis zum 28.4.1934 wurde Johannes Saß für einen Lehrgang an der Gauführerschule vom Dienst beurlaubt. Am 24.8.1934 schrieb er auf dem Schulleitungsbogen der Volksschule für Mädchen Hohe Weide 12 an die Landesunterrichtsbehörde: „Da ich von der Ortsgruppe Blankenese der NSDAP für die Teilnahme am Vorbeimarsch vor dem Führer vorgesehen bin, bitte ich, mich für die Zeit des Reichsparteitages zu beurlauben. Die Vertretung wird dann von mir geregelt.“18

Solche Schreiben richtete Johannes Saß auch 1937 und 1939 an die dienstvorgesetzte Behörde. Somit hatte Johannes Saß zumindest an drei Reichsparteitagen in Nürnberg teilgenommen. Überhaupt war Johannes Saß viel unterwegs. Im Juli 1935 besuchte er eine Tagung des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung. Im Oktober 1936 trafen sich die Gaukulturwarte Norddeutschlands mit Sachverständigen für niederdeutsche Sprachpflege, Johannes Saß fungierte als Referent. Am 9.12.1936 fand eine Tagung der Landesstellenleiter des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda statt, Johannes Saß zählte zur einberufenen Kommission. Solche Sitzungen des Reichspropagandaministeriums fanden mit Johannes Saß als Teilnehmer und Sachverständigem jährlich statt.19

Daneben arbeitete Saß an einem „Plattdeutschen Wörterverzeichnis mit Regeln“, das er 1935 veröffentlichte.20

Zwischenzeitlich hatte der Heimatkundler Johannes Saß ein anderes, ganz persönliches Problem zu bearbeiten. Für die Erstellung seines Ariernachweises ergab sich die Schwierigkeit, die Herkunft seines unehelich geborenen Vaters zu belegen. Am 4.1.1936 schrieb Johannes Saß an die „Familie des verstorbenen Schornsteinfegermeisters Eckmann in Doberan:
„Mein Vater, Carl Sass21, geboren 9.9.1863, stammte aus Doberan, aus der Neuen Reihe. Er war der uneheliche Sohn der Helene Sass. Wie ich von der Schwester meines verstorbenen Vaters erfahre, war der Schornsteinfegermeister Eckmann der Vormund der Kinder. Der Vater meines Vaters soll der Tischler Ludwig Möller, wohnhaft damals Lettowsberg gewesen sein. Ich möchte nun über diesen Ludwig Möller Näheres wissen, z. B. den genauen Namen, sein Geburtsjahr und Datum, sein Sterbejahr, die Namen seiner Eltern, ferner ob er sich zur Vaterschaft bekannt hat. Es ist ja möglich, dass die Verwaltungspapiere des Vormunds noch vorhanden sind, oder dass der Möller dort persönlich bekannt war. Da heute auf die Abstammungspapiere so großer Wert gelegt wird, möchte ich freundlichst bitten, mir zu helfen, diese zu beschaffen.“22

In der Personalakte ist nur noch ein Schreiben der Tante von Johannes Saß enthalten, in dem sie bezeugte: „Ich erkläre hiermit, dass ich als Kind in Doberan für meine Pflegemutter und Tante Lisette Sass regelmäßig Geld von Ludwig Möller geholt habe. Das Geld war für den Lebensunterhalt meines Bruders Carl Sass bestimmt. Ludwig Möller galt allgemein als sein Vater.“23 Das Beibringen von ­Ariernachweisen konnte auch für Heimatforscher und NS-Aktivisten unangenehm, schwierig und nach Maßstäben der nationalsozialistischen Ideologie peinlich sein. Ähnlich wie für seinen Blankeneser Freund und Autor niederdeutscher Schriften, Bruno Peyn, der sogar die von ihm eingesehenen Kirchenbücher zu manipulieren versuchte, als er bei seiner unehelich geborenen Mutter einen jüdischen Ahnen ermittelte. Deswegen hatte Peyn in einem peinlichen Verfahren seine Oberstudiendirektoren-Stellung und alle seine Parteiämter verloren.24

Johannes Saß war weiter bemüht, sein nationalsozialistisches Engagement unter Beweis zu stellen. Am 1.11.1940 meldete er seine Mitgliedschaften in der NSDAP (Mitgliedsnummer 2729586) und im NSLB sowie dem Reichsluftschutzbund seit 1934. Seine Frau war seit 1933 in der NSV organisiert und in der NS Frauenschaft seit 1934, wie Saß angab. „In der Partei bekleide ich das Amt eines Ortsgruppenamtsleiters (Schulungsreferent im Kreise VII). Außerdem bin ich Sonderbeauftragter der Reichsschrifttumskammer. Seit Beginn des Krieges bin ich als Luftschutzbeauftragter der Schulverwaltung für Kreis II tätig.“25 Das Ziel von Johannes Saß war dabei auch, mit 56 Jahren nicht noch einmal das Trauma der Kriegsteilnahme erleben zu müssen, sondern „uk“ gestellt zu werden, was auch gelang.26

Der neue für den Schulkreis bestellte Schulrat Backeberg, anders als viele seiner Vorgänger nicht als altes Parteimitglied oder Aktivist in der schulpolitischen Auseinandersetzung, sondern als engagierter Schulmann, vormals Schulleiter einer Privatschule, bat Johannes Saß 1942 um Angaben über dessen wissenschaftliche und schriftstellerische Tätigkeiten, die dieser ausführlich beantwortete. Bei der Vielzahl der Projekte und Veröffentlichungen von Johannes Saß war kaum noch erkennbar, dass es sich hierbei um nebenberufliche Tätigkeiten handelte. Als letzten Punkt führte Saß an:
„Gegenwärtig leite ich zum vierten Male die Sichtung der für die Wehrmacht gesammelten Bücher im Kreise VII (jedes Mal etwa 50.000 Bücher) und baue im Gauschulungsamt als ‚Spezialist‘ eine Judenbibliothek auf.“27

Am 29.5.1941 hatte Johannes Saß einen Hinweis darauf gegeben, welchen Zusammenhang es zwischen dem Sammeln von Büchern für die Wehrmacht und dem Aufbau einer „Judenbibliothek“ geben könnte. Unter dem Absender: „Kreisleitung der NSDAP, Hamburg VII, Schrifttum“ schrieb er an die Leitungen der Schulen in diesem Kreis: „Die Gauschrifttumsstelle hat auf Grund der von der NS. Frauenschaft angefertigten Listen in jeder Kiste noch einige Bücher beanstandet, die von Juden geschrieben oder aus anderen Gründen unerwünscht sind. Diese Bücher müssen aus den Kisten entfernt werden. Für jede Kiste liegt eine Liste der zu entfernenden Bücher vor. Es handelt sich also nur darum, die betr. Bücher herauszufinden. Diese Arbeit (167 Kisten) ist viel für einen, wenig für viele. Ich bitte deshalb noch einmal eine Reihe von Schulen um die Gestellung von Mitarbeitern.“28 Johannes Saß war also Spezialist im doppelten Sinne. Er konnte Listen erstellen von „auszumerzenden Autoren“, besonders solchen mit jüdischem Hintergrund und andererseits im Gauschulungsamt eine „Judenbibliothek“ aufbauen, zu welchem Zweck auch immer.

Am 4.1.1943 schrieb Schulrat Backeberg einen Befähigungsbericht über Johannes Saß, in dem dessen zahlreiche Aktivitäten außerhalb der Schule notiert wurden, so etwa: „Neuerdings hätte Saß dem Kreiswalter im NSLB von der Lieth die Geschäftsführung abgenommen“.29 Weiter vermerkte Backeberg kritisch, dass dem Schulleiter Saß „die Verwaltungsarbeit in Schul- und verwandten Belangen offenbar mehr als die Unterrichtstätigkeit in Klassen“ liege. Und: „Hier vermißte ich Wärme und fachliche Verbundenheit mit den Kindern. Wenn ein Rektor einer 11-klassigen Volksschule nur 9 Unterrichtsstunden in der Woche erteilen kann, weil er die oben erwähnten Nebenämter führt (bei 9–16 Klassen ist die amtlich vorgeschriebene Unterrichtsstundenzahl für ihn 14), so sollten dabei nicht 2 Stunden zweite Schwimmaufsicht sein. Dann wählt er für sich m. E. wichtigere Unterrichtsstunden aus.“ Immerhin schrieb Backeberg abschließend: „Herr Dr. Saß wird auch eine Hauptschule leiten können.“30

Das entsprach nun nicht dem kritischen Tenor des Berichtes, was die Schularbeit betraf. Entsprechend vermerkte Fritz Köhne handschriftlich hinter Backebergs Bericht: „Bedingt geeignet für Leitung einer Hauptschule.“31

Vom 8. bis 31. Mai 1944 wurde Johannes Saß als Wehrmachtsredner in Frankreich eingesetzt. Er reiste mit der Einsatzgruppe Rosenberg, Abteilung Schulung32 und wird dies als Genugtuung angesehen haben, angesichts seiner kurzen Kriegserlebnisse in Frankreich mit der anschließenden viereinhalbjährigen französischen Kriegsgefangenschaft im Ersten Weltkrieg. Am 2.10.1944 bescheinigte ihm der Gauschulungsleiter Albert Henze, einer der schlimmsten Nationalsozialisten in der Hamburger Schulgeschichte32, dass Johannes Saß „vom Gauschulungsamt als Wehrmachtsredner eingesetzt worden ist“.33

Um zu überleben, war es natürlich hilfreich, nicht in den aktiven Kriegsdienst gezogen zu werden. Andererseits hatte Johannes Saß dadurch bis zuletzt in Hamburg Funktionen gehabt und Aktivitäten gezeigt, die nach Ende der Naziherrschaft noch nicht vergessen waren. Interessant ist, dass Schulrat Backeberg, der am 12.8.1945 noch im Amt war, sich noch einmal über Johannes Saß äußern konnte, der kurz zuvor dem neuen Schulsenator Heinrich Landahl geschrieben hatte. Somit können beide Berichte von Schulrat Backeberg verglichen werden und das, was Backeberg 1943 schon kritisch über Saß angemerkt hatte, wurde von diesem in eine deutlichere Sprache übersetzt:
„Herr Dr. Saß ist infolge seiner besonders eifrigen Tätigkeit als Ortsgruppenschulungsleiter in Blankenese und als Redner bei anderen Veranstaltungen und als Propagandaredner bei vielen Wehrmachtsteilen in und um Hamburg von allen Schulleitern meines Hamburger Schulkreises wohl der aktivste Nationalsozialist gewesen. Er war, wenn ich ihn traf, fast immer in brauner Uniform. Vielleicht wurde neben seinem guten Arbeitswillen sein Geltungsbedürfnis die Ursache für seine besonders aktive Rolle in der NSDAP. Ich hoffe, die Bestätigung als Lehrer für ihn noch zu bekommen. Damit muß er sehr zufrieden sein.“34

Am 1.8.1945 wurde Johannes Saß im Auftrag der britischen Militärregierung beurlaubt, seit dem 15.8.1945 war er in der Beschaffungsstelle der Schulbehörde beschäftigt. Am 23.7.1945 reichte er seinen Entnazifizierungsfragebogen ein. Die Tätigkeit in der Beschaffungsstelle endete am 25.10.1945, am 1.11.1945 wurde er mit Schreiben von Heinrich Landahl entlassen. Am 19.12.1945 erklärte Landahl gegenüber der britischen Militärregierung, es könne keine Wiedereinstellung von Johannes Saß geben, „weil er aktiver Nationalsozialist gewesen war.“35

Seit dem 1.5.1946 arbeitete Johannes Saß „drei Jahre lang bei einer Wach- und Schließgesellschaft als Wachtmann“.36

Im Weiteren sollen jetzt die ziemlich einheitlichen negativen Sprüche der Entnazifizierungsausschüsse dargestellt werden, anschließend die Argumentation von Johannes Saß und schließlich die erstaunliche Karriere, die Johannes Saß in den 1950er- und 1960er-Jahren wieder machte.

Nachdem Johannes Saß gegen seine Entlassung Widerspruch eingelegt hatte, musste der Berufungsausschuss entscheiden. Für die Hamburger Schulverwaltung äußerte sich der vertretungsweise eingesetzte neue Schulrat, Robert Werdier:
„Trotz der beigebrachten Entlastungszeugnisse wird die Wiedereinstellung des Herrn Dr. Saß nicht befürwortet. Ich kenne ihn persönlich. Er ist wohl kein ausgesprochen politischer Mensch, dafür aber ein ehrgeiziger und berechnender Streber, der, um materielle Ziele zu erreichen, seine Intelligenz jeder politischen Richtung zur Verfügung stellen würde. Er ist menschlich deshalb wenig sympathisch. In der Ortsgruppe der NSDAP hat er eine führende Rolle gespielt. 1934 bittet er die damalige Landesunterrichtsbehörde, ihn für die Teilnahme am Reichsparteitag zu beurlauben, weil, nach seinen eigenen Worten, ‚ich für den Vorbeimarsch vor dem Führer vorgesehen bin‘. Am 4.11.1942 schreibt er in einem wissenschaftlichen Tätigkeitsbericht an die Schulverwaltung: ‚Ich baue im Gauschulungsamt als Spezialist eine Judenbibliothek auf.’ Am 8. bis 31.5.1944 ist er als Wehrmachtsredner in Frankreich eingesetzt. In demselben Jahre an vier aufeinanderfolgenden Tagen hält er Vorträge vor Wehrmachtsangehörigen und Schulungs- und Propagandaleitern des Kreises 7. Diese mit eigener Feder gemachten Angaben in der Personalakte dürften Herrn Dr. Saß hinreichend kennzeichnen.“37

Es wäre schön gewesen, wenn alle mit der Entnazifizierung Befassten die Personalakten so gründlich studiert hätten. Die Schulverwaltung schlug somit vor, die Berufung zu verwerfen.38

Der Leitende Ausschuss befasste sich am 16.4.1948 mit der Angelegenheit Johannes Saß und lehnte dessen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens ab, „da der Antragsteller nicht bewiesen hat, dass er nur Mitläufer war. Er ist im Mai 1944, also nachdem es einwandfrei feststand, dass der Krieg für Deutschland verloren war, noch als Wehrmachtsredner nach Frankreich gegangen, wo er sich nach Sachlage nur als Kriegshetzer betätigt haben kann. Als Wehrmachtsredner wurden nur solche Leute auf die Truppe losgelassen, die große Nazis waren. Dieser Fall ist als besonders schwer zu bezeichnen, so dass der Leitende Ausschuss keine Möglichkeiten für eine erfolgreiche Wiederaufnahme als gegeben ansieht.“39 Dem Leitenden Ausschuss gehörte auch der NS-kritische OSR Heinrich Schröder an, der vermutlich Johannes Saß persönlich nicht kannte, da dieser nicht im Bereich der höheren Schulen gearbeitet hatte.

Für den Berufungsausschuss musste vorher der Beratende Ausschuss eine Stellungnahme abgeben. Darin hieß es am 6.4.1949:
„Herr Dr. S. vertrat seine Sache vor dem Beratenden Ausschuss in einer Art, die weitgehend als arrogant empfunden werden mußte und mehrfach fast zum Abbruch der Verhandlung führte. Bei aller Würdigung der vorliegenden und inzwischen nachgereichten Gutachten muß sich die Beurteilung weitgehend auf zwei Punkte richten: Früher Eintritt in die NSDAP, Tätigkeit als NS-Redner 1944 in Frankreich. Daneben treten Urlaubsgesuche, mehr als ausgedehnte Tätigkeit in allen möglichen NS-Einrichtungen zurück.

Zu den Hauptpunkten: Herr Dr. S. will den frühen Eintritt mit einer ‚Überführung‘ von der DVP in die NSDAP (war die DVP der HJ gleichzusetzen??) und mit seiner Absicht, zu mildern und Schlimmeres zu verhüten, erklären. Kein Mitglied des Beratenden Ausschusses ist auch nur teilweise von dieser Begründung überzeugt worden. Der Eindruck der Opportunität bei Herrn Dr. Saß ist weitgehend geblieben.

Herr Dr. S. gibt für seine Frankreichreden an, daß er dort so sehr viel gesprochen habe, weil er nicht-nazistische Stellungnahmen und Betrachtungen brachte. Irgendwelche Gutachten über diese Vorträge von Hörerseite liegen der sonst an Gutachten nicht armen Akte nicht bei. Mitglied I des Beratenden Ausschusses, das selbst jahrelang in der fraglichen Zeit in den Bunkern des sog. Atlantikwalles gelegen hat, muß es nach den dort gemachten Erfahrungen mit den NS-Rednern als völlig ausgeschlossen ansehen, daß NS-Redner ausgerechnet noch 1944 etwa wiederholt und ausgesprochen in der von Dr. S. behaupteten Art gesprochen haben können.

Der Beratende Ausschuss kann daher nur zu folgender Stellungnahme kommen: Kein Mitglied des BA kann die Wiedereinstellung des Herrn Dr. Saß in den Schuldienst befürworten. Kein Mitglied des BA möchte Herrn Dr. S. als Kollegen in der gleichen Schule haben.“40

Eine solche einmütige Ablehnung hatte es in kaum einem anderen Fall gegeben. Es blieb dem Berufungsausschuss für die Ausschaltung von Nationalsozialisten vom 30.4.1949 vorbehalten, wieder in der Besetzung: Vorsitzender Rechtsanwalt Soll mit den Beisitzern Rabe und Birr, anders zu entscheiden. Der Ausschuss beschränkte die Berufung auf die Pensionierung als Volksschullehrer und entschied auch entsprechend. Johannes Saß wurde in den Ruhestand versetzt und man billigte ihm die Ruhegehaltsbezüge eines Volksschullehrers zu. Gleichzeitig wurde er in Kategorie IV eingruppiert (Mitläufer), mit Wirkung ab dem 1.1.1950 in die Kategorie V.41

Ich vermute, dass es das war, was Johannes Saß angestrebt hatte. Er war zu diesem Zeitpunkt knapp 62 Jahre alt.

Auch der Berufungsausschuss stellte fest, dass Johannes Saß „bei der NSDAP als überzeugter Nationalsozialist galt“, da er „in ihr als Schulungsleiter tätig war und im Kriege als Wehrmachtsredner eingesetzt wurde. Andererseits hätte sich das gesamte Kollegium seiner Schule stark für ihn eingesetzt“ und es wäre bezeugt worden, „dass er im Unterricht sich politisch zurückhaltend und maßvoll geführt hat“.42 Insofern wäre ein im Einvernehmen mit der Schulverwaltung und dem Fachausschuss gefundener Beschluss gefasst worden.

Wie nun argumentierte Johannes Saß in seinem Entnazifizierungsverfahren?

Nachdem er am 1.8.1945 von seiner Schulleitungstätigkeit beurlaubt worden war, richtete er ein Schreiben an Senator Landahl. Darin hieß es: „Ich bin der Meinung, dass die Beurlaubung der Schulleiter auf Grund des Datums des Eintritts in die Partei und des Amtes, das man in ihr bekleidet hat, eine Maßregel ist, die an unserer Tätigkeit in der Schule vorbeigreift. Wenn wir ehrlich bekennen sollen, worin unsere hauptsächliche Aufgabe während der Zeit des nationalsozialistischen Regimes bestand, so ist es die gewesen, alle Eingriffe der Partei in Gestalt des Ortsgruppenleiters und der HJ von unserer Schule abzuwehren. Ich sprach hier absichtlich von ‚uns‘, als der Mehrzahl der Schulleiter. Nur wer selbst diese Stellung innehatte, weiß, wie oft man im Interesse der anvertrauten Schule seine bürgerliche Existenz aufs Spiel setzte. Man kann ohne Übertreibung von einem andauernden Spannungszustand mit den parteilichen Instanzen sprechen.“43

Das von Johannes Saß angeführte Beispiel war durchaus symptomatisch:

„Ein Mädchen wird zum Straßenbahndienst herangezogen. Da es ein Mädchen des neunten Schuljahres war und den Unterricht bitter nötig hatte, untersagte ich ihm diesen Dienst. Darauf erfolgte ein geradezu frecher Anruf der BDM-Dienststelle. Im Gegenzug verfügte ich die sofortige Entlassung des Mädchens, falls es wegen des Straßenbahndienstes eine Woche dem Unterricht fernbleiben würde. Da es zum Unterricht eine Woche lang nicht erschien, stellte ich ihm sein Entlassungszeugnis zu. Nun erfolgten weitere Anrufe von Seiten des BDM und von Stellen der Schulverwaltung. Ich blieb bei meiner Entscheidung: Kinder des 9. Schuljahres, die nicht regelmäßig den Unterricht besuchen, sind zu entlassen. Zuletzt forderte mich Oberschulrat Henze auf nachzugeben; er käme, wenn die Sache an den Gauleiter ginge, in des Teufels Küche. Ich gab auch dann nicht nach. Da ich formal im Recht war, weil ich nur eine Anordnung der Schulverwaltung durchführte, wurde die Angelegenheit wenige Tage später‚ durch persönliche Entscheidung des Oberschulrates Henze‘ niedergeschlagen. Die Entlassung blieb bestehen. Es ist klar, dass man solche Angriffe von außen nur abwehren konnte, wenn man selbst Mitglied der Partei war, womit sich das bestätigt, was mich seinerzeit veranlasste, der Partei beizutreten, nämlich dort einen mäßigenden Einfluss auszuüben.“44

Solche Beispiele wurden gern als Beleg für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus angeführt. Dabei ging es einzig um Kompetenzgerangel, Schulleiter fühlten sich in ihrer Macht als Führer der Schule beschnitten. In diesem Fall hatte Johannes Saß den damals einflussreichsten Nationalsozialisten in der Schulverwaltung an seiner Seite, der über beste Kontakte zu Gauleiter Karl Kaufmann verfügte. Albert Henze war es auch, der als Gauschulungsleiter 1944 verfügt hatte, Johannes Saß als Wehrmachtsredner einzusetzen.

Eine Argumentation von Saß, die schwerlich verfangen konnte.

Erbärmlich auch die Argumentation dieses Mannes, der sich noch im November 1942 als „Spezialist für den Aufbau einer Judenbibliothek“ bezeichnet hatte. Zweieinhalb Jahre später schrieb er an Senator Landahl:
„In einer Ihrer Ansprachen sagten Sie, dass die Schule die Kinder zur Duldung Andersdenkender erziehen müsse. Sie rühren da an einem Punkt, der uns das Gehorchen während der nationalsozialistischen Zeit äußerst schwer gemacht hat. Ich nehme für mich in Anspruch, dass ich in der Duldung so weit gegangen bin, wie es irgend durchzuführen war. Als die Universitätsprofessorin Dr. Agathe Lasch als Volljüdin ihren Platz verlassen sollte, habe ich ein Ansuchen an den Gauleiter unterschrieben, sie in ihrer Tätigkeit zu belassen. Bei jedem halbjüdischen Kind, das in meiner Schule zur Anmeldung kam, habe ich befürwortend ein Gesuch an die Schulverwaltung gerichtet, das Kind zur Aufnahme zuzulassen. Als nach der Katastrophe vom Juli 1943 ein großes halbjüdisches Mädchen meiner Schule auf der Kreisstelle 2 des Ernährungsamtes Beschäftigung fand, habe ich dieser Stelle gegenüber verschwiegen, dass der Vater dieses Mädchens Volljude sei. Ich will mich damit nicht als Freund der Juden hinstellen, sondern nur dartun, dass ich auch unter den schwierigen Verhältnissen der letzten Vergangenheit den Grundsatz der Duldung nicht aufgegeben hatte.“45

Es sagt viel über Johannes Saß und diese Zeit aus, dass er „die Duldung“ von halbjüdischen Kindern an seiner Schule als heroische Tat anführte, ebenso wie die Unterschrift für die jüdische Germanistin Agathe Lasch 1933, die fünf Jahre zuvor noch seine Dissertation mit entscheidenden Impulsen und Hinweisen möglich gemacht hatte.

Töricht aus meiner Sicht auch das Argument gegenüber Heinrich Landahl, der 1933 als Schulleiter der Lichtwarkschule von den Nationalsozialisten abgesetzt worden war: „Man rechnet heute groß an, wenn einem 1933 dienstliche Nachteile erwuchsen, man zum Beispiel seine Stellung als Schulleiter aufgeben musste. Das hat mich nicht getroffen, wenn auch die damals vom NSLB aufgestellte Liste der erwünschten Schulleiter meinen Namen nicht enthielt. Die Oberschulbehörde ließ mich allerdings von sich aus in meiner Schulleiterstelle.“ Dafür war Johannes Saß rechtzeitig am 1.5.1933 in die NSDAP eingetreten.

„Aber mir wurde 1933 die Vereinigung ‚Aufbau‘ zerschlagen, mir wurde meine Zeitschrift zunichte gemacht und mir wurde der Hamburgische Elternbund, der von mir gegründet war und geleitet wurde, zertrümmert.“ Auch dieses Argument war erbärmlich, wenn man weiß, dass es Johannes Saß war, der 1933 am 10. April den Impuls für die Gleichschaltung der Gesellschaft der Freunde und somit aller Lehrerorganisationen gab, um „jetzt im nationalen Geist arbeiten zu wollen.“46

Johannes Saß schloss sein Schreiben an Heinrich Landahl mit den Worten:

„Nach alledem kann ich nicht einsehen, weshalb ich etwa eine Gefahr für die Kinderseelen darstellen soll, wenn ich in meinem Amt als Schulleiter verbleibe. Den Arm haben wir alle, die wir in der Schule standen, erhoben und ‚Heil Hitler!‘ haben wir auch alle gesagt. Aber das ist vorbei, auch von innen her gesehen, ob wir ein an sich unbedeutendes Amt in der Partei gehabt haben oder nicht. Mit Schematismus kann man keine innere Säuberung der Lehrerschaft vornehmen. Es sind eine ganze Reihe von Lehrkräften da, die zwar sehr spät in die Partei eintraten und kein Amt dort begleiteten, die sich aber hundertprozentig und mehr den Kindern gegenüber gebärdeten.“47

Dieser Hinweis, dass die anderen die Schlimmeren gewesen wären, machte Johannes Saß nicht sympathischer. An anderer Stelle verfuhr er nach dem gleichen Muster. Eine Notiz, überschrieben „Verwahrung“ und in der englischen Übersetzung „For clearness“, lautete so:

„Aus Gesprächen mit Bekannten entnehme ich, dass ich möglicherweise zu Unrecht durch einen Parteigenossen gleichen Namens belastet bin. Es gab im Kreise 7, zu dem auch ich gehörte, noch einen Dr. Saß, der, da er vielfach vor der Öffentlichkeit sprach, häufig in Zeitungsberichten erwähnt wurde. Es war Dr. Hermann Saß, vor der Errichtung Gross-Hamburgs Senator in Altona, danach Oberschulrat in Hamburg. Er war in den letzten Jahren Kreisschulungsleiter. Ich hatte die Kreisleitung wiederholt gebeten, bei Veröffentlichungen den Vornamen hinzuzusetzen. Diesem Wunsche ist aber nie entsprochen worden. Infolge des Verwechslung erhielt ich öfter Zuschriften, die für den anderen Dr. Saß bestimmt waren.“ Unterschrieben von Dr. Johannes Saß, „seinerzeit Ortsgruppenschulungsleiter“.48 Als solcher, in dieser Funktion, war er also vom Kreisschulungsleiter angeleitet worden.

Dass Johannes Saß vor den Entnazifizierungsausschüssen persönlich einen denkbar schlechten Eindruck machte, „als arrogant“ empfunden wurde, lag auch an seiner unglaubwürdigen Argumentation. Etwa, wenn er, der, wie dargestellt, durch eine persönliche Initiative dafür sorgte, das eine Gleichschaltungs-Hauptversammlung der Gesellschaft der Freunde stattfand, 1945 schrieb:
„Wenn der alte Vorstand der ‚Gesellschaft der Freunde‘ am 27. April 1933 in einer ‚Außerordentlichen Hauptversammlung‘ den Antrag stellte: ‚Die Gesellschaft der Freunde erklärt ihren Eintritt in den Nationalsozialistischen Lehrerbund‘, so geschah das auch nicht aus Begeisterung für das Neue sondern aus dem Gefühl der Verpflichtung, die ungestümen, und wie wir alle überzeugt waren, unzulänglichen Neuerer nicht allein arbeiten zu lassen. Leider ist dieser Weg nur von Einzelnen weiter verfolgt worden. Sie haben bestimmt Erfolg gehabt, aber sie tragen heute mit an der ‚Schuld‘, während andere, die vor jedem Fähnlein stramm standen, heute als brauchbare Männer angesehen werden. Die ‚Gesellschaft‘ aber, die noch vor dem kritischen 1.5.1933 die Parole gab, durch Eintritt in den NSLB das Neue anzuerkennen, schließt heute diejenigen aus, die damals die Konsequenz aus dieser Parole gezogen haben.“49

Johannes Saß bewegte sich hier immer noch wie der ehemalige Führer ­einer Lehrergruppe in der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft der Freunde, die er persönlich 1933 gedrängt hatte, „in nationalem Geist“ die Gleichschaltung zu vollziehen. Da Vertreter dieser Gesellschaft der Freunde 1945 in den Entnazifizierungsausschüssen mit entscheidender Stimme saßen, erwies sich Johannes Saß für diese nach Ende der Naziherrschaft als unverbesserlich. Und auch die Vertreter der britischen Militärregierung mussten über ein anderes Argument von Saß befremdet sein: „Aus Besorgnis um eine Radikalisierung der Schule glaubte ich, dabei sein zu müssen. Ich kann mir denken, dass ein Engländer den Standpunkt, man habe in der Partei nur mäßigend wirken wollen, nicht anerkennt. Eine deutsche Instanz, die die Verhältnisse besser kennt, kann unmöglich diese Tatsache übersehen. Sie muss auch anerkennen, dass man sich umso mehr in die Parteiarbeit einschieben musste, je ernsthafter man seine Aufgabe nahm. Es ist daher nicht angängig, die politische Beurteilung von heute allein von dem Maß der Mitarbeit in der NSDAP abhängig zu machen.“50

Johannes Saß war ein eitler Mensch. Über seine Tätigkeit als Propaganda- und Wehrmachtsredner schrieb er:
„Aus dem gleichen Grunde wurde ich auch von Wehrmachtstellen immer wieder angefordert. Man hatte dort die Parteiredner schon längst satt und griff begierig nach den wenigen, die Vorträge hielten, die eigentlich keine Parteivorträge waren. Ich konnte mich gegen die Inanspruchnahme nicht wehren und hatte auch keine Veranlassung, die schweren Folgen einer Weigerung auf mich zu nehmen, da die Schulverwaltung mir für meine Einsätze stets bereitwilligst Urlaub erteilte. Außerdem waren geistige Anregungen in jenen Jahren so rar, dass ich keinen Grund sah, andern Menschen diese vorzuenthalten, wenn ich doch offensichtlich in der Lage war, ihnen solche zu geben.“51

Typisch auch in diesem Fall, dass Leumundszeugnisse geschrieben wurden von anderen, die ebenfalls Rädchen im Getriebe gewesen waren, selbst belastet, sich aber nun gegenseitig die beste Gesinnung bescheinigten. So etwa Walther Niekerken, ehemaliges SA-Mitglied, mit dem Johannes Saß zu niederdeutschen Themen gearbeitet hatte und der erstaunlicherweise schon 1946 wieder Professor am Germanischen Seminar der Universität Hamburg war. Niekerken schrieb:
„Hiermit bescheinige ich Herrn Dr. Johannes Saß, daß ich ihn seit dem Jahre 1933 kenne und bis zum Kriegsausbruch oft mit ihm zusammen war, und zwar im Rahmen einer Lehrerarbeitsgemeinschaft für Niederdeutsch und vor allen Dingen aber als Mitarbeiter an einem neuniederdeutschen Wörterbuch. Ich habe nie bemerkt, daß er in seinen Anschauungen parteipolitisch gebunden war. Im Gegenteil, er verhielt sich in seinen Äußerungen sehr kritisch, wie es ein echter Nazi nie tat. So beklagte er ganz besonders den traurigen Verfall der deutschen Schule und sprach sich einmal mir gegenüber sehr entrüstet über die Verkommenheit in der Reichsschrifttumskammer aus. Wie wenig er Nazi war, scheint mir eindeutig auch aus der Tatsache hervorzugehen, daß er im April 1934 auf mein Werben sofort bereit war, sich auch für die jüdische Professorin Fräulein Dr. Agathe Lasch einzusetzen. Und zwar begnügte er sich nicht mit einer einfachen Unterschrift, sondern fügte meinem Gesuch eigene Zeilen bei. Sie sind noch heute vorhanden.“52

Ich habe schon darauf hingewiesen, das Agathe Lasch ganz wesentlich die Dissertation von Johannes Saß mit Hinweisen und Impulsen möglich gemacht hatte. Interessant ist, dass die „eigenen Zeilen, die noch heute vorhanden sind“, niemals vorgelegt wurden.

Auch ein anderer niederdeutscher Sprachforscher, der ebenfalls NSDAP-Mitglied gewesen war, Professor Conrad Borchling, verwendete sich für Johannes Saß:

„Der Rektor Dr. Johannes Saß hat seit 1929 das Korrespondenzblatt des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung herausgegeben. Während der 12 Jahre des nationalsozialistischen Regimes war es den Schriftleitern wiederholt zur Pflicht gemacht, mit jeder von ihnen herausgegebenen Nummer die Propaganda der Partei zu unterstützen. Aus meiner genauen Kenntnis der Zeitschrift als Vorsitzender des Vereins kann ich bezeugen, dass Dr. Saß niemals, auch nicht andeutungsweise auf die propagandistischen Anregungen der Partei eingegangen ist, obgleich die Verbreitung unseres Korrespondenzblattes im Ausland der Propaganda sehr dienlich gewesen wäre. Dr. Saß hat sogar, obgleich es verboten war, Zitate von jüdischen Autoren ohne Einschränkungen zum Abdruck gebracht.“53

Schwer erträglich für jemanden der weiß, dass Johannes Saß sich gerühmt hatte, Experte für eine „Judenbibliothek“ zu sein, für deren Aufbau und das Ordnen „auszumerzender Schriften.“

Bekanntlich konnten diese Gutachten das schlechte Bild, das Johannes Saß vor den Entnazifizierungsausschüssen abgegeben hatte, nicht mildern.

Mit dem Ruhegehalt eines Volksschullehrers widmete sich Johannes Saß nun, ab 1949, wieder verstärkt seiner schriftstellerischen Arbeit. Am 28.8.1952 wurde Johannes Saß zum Abschluss der Entnazifizierung in Kategorie V eingruppiert, als Entlasteter. Nach Art. 131 Grundgesetz wurde ihm ab 1953 die Pension eines Rektors gewährt, verbunden damit auch die Amtsbezeichnung „Rektor im Ruhestand“.54

Sein Ruf in der Hamburger Schulbehörde hatte sich damit aber nicht verbessert. Als zum 70. Geburtstag von Johannes Saß das obligatorische Glückwunschschreiben des Landesschulrats vorbereitet wurde, hatte OSR Werdier intern notiert: „Großer Nazi! So kurz wie möglich.“55 Johannes Saß erhielt daraufhin das formale Glückwunschschreiben, unterzeichnet von Landesschulrat Ernst Matthewes. Und auch zum 75. Geburtstag hatte der zuständige Oberschulrat intern vermerkt: „Keine Zusätze“.56

Anderswo wurde Johannes Saß in anderer Weise gewürdigt. Als Heimatforscher erhielt er am 17.3.1971 die Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes in Bronze. Die „Welt“ vermerkte:
„Der 81-jährige Hamburger Philologe und Heimatforscher ist durch seine zahlreichen plattdeutschen Vorträge und seine Bemühungen um eine Vereinheitlichung der niederdeutschen Rechtschreibung auch außerhalb Hamburgs bekannt geworden. Hobby des aktiven Hanseaten sind seine ehrenamtlichen Arbeiten als Leiter der niederdeutschen Dichtertagungen in Bevensen und als Vorsitzender von sechs Kuratorien der Stiftung F.v.S.“57

Zu seinem 80. Geburtstag hatte das „Hamburger Abendblatt“ Johannes Saß am 30.8.1969 auf der ersten Seite in der Rubrik „Menschlich gesehen“ porträtiert:
„Unzählige Hamburger kennen den schlanken Mann von seinen plattdeutschen Vorträgen, als Vorsitzenden der Fehrsgilde, als Dozenten an der Volkshochschule, als Leiter der niederdeutschen Dichtertagungen in Bevensen. Für ihn ist der Ruhestand mit viel Arbeit verbunden. Aber die ehrenamtliche Arbeit ist sein Hobby. Sein Arbeitszimmer gleicht einer Bücherei und eine Reihe eigener Schriften steht in den Regalen, zum Beispiel das kleine plattdeutsche Wörterbuch, von dem schon die dritte Auflage erschienen ist und das Grundregeln für die plattdeutsche Rechtschreibung enthält, die heute von den meisten niederdeutschen Schriftstellern als verbindlich angesehen werden. Frau Hildegard, mit der er seit 1920 verheiratet ist, kann ihn nur schwer von seinem Blankeneser Schreibtisch (mit Elbblick) mal losreißen. Manchmal arbeitet er dort bis zwei Uhr nachts. Niemand sieht es dem aktiven Mann an, daß er am 4. September 1969 80 Jahre alt wird.“58

Johannes Saß hatte sich einen Namen gemacht als Moderator von Veranstaltungen und Lesungen, die immer wieder auch im Ohnsorg-Theater stattfanden und über die regelmäßig berichtet wurde. Unter der Überschrift „Sinnig und vergnöögt“ wurde vermerkt: „Schon der gemütliche und immer schlagfertige Dr. Johannes Saß sorgte als Ansager dafür, daß der Humor gewissermaßen den Generalnenner bildete.“59

Fast am Ende seines Lebens wurde Johannes Saß noch eine besondere Ehrung zuteil:

„Zu Ehren des Vorsitzenden der Niederdeutschen Bevensen-Tagung und der niederdeutschen Kuratorien, Dr. Johannes Saß, der 80 Jahre alt geworden ist, gab die Stiftung F.V.S. zu Hamburg in ihrem schönen Gästehaus an der Elbchaussee einen Empfang. In Vertretung von Dr. Alfred Toepfer, der verreist war, machte Senator a.D. Heinrich Landahl die Honneurs. Unter den zahlreich erschienenen Gästen, die das rüstige ‚Geburtstagskind‘ begrüßte, sah man auch den 90-jährigen Dichter Hermann Claudius sowie den Bürgermeister und Stadtdirektor von Bevensen. Während unten auf der Elbe die Dampfer vorbeifuhren, saß man gemütlich und harmonisch ‚ganz niederdeutsch‘ beisammen.“60

Johannes Saß starb am 31.12.1971.61

In der „Welt“ erschien ein Nachruf:
„Wenn in der Klosterkirche zu Medingen (Bevensen) in jedem Jahr der ‚Klaus-Groth-Preis‘ und der ‚Fritz-Stavenhagen-Preis‘ der Stiftung F.V.S. zu Hamburg feierlich verliehen wurden, und man abends bei dem Empfang der Tagungsteilnehmer im ‚Hotel Stadt Hamburg‘ zusammensaß, so trat ein schlanker Mann auf das Podium, der schmunzelnd und mit launigen Worten die Anwesenden begrüßte. Das war Dr. Johannes Saß. Und wenn – auch alle Jahre wieder – die ‚Plattdüütsche Dichterstünn‘ im Richard-Ohnsorg-Theater stattfand, dann stand bescheiden unter der Vortragsfolge: ‚Dr. Saß seggt allemal en paar Wöör vörweg.‘ Ja, er sagte ein paar Worte vorweg! Aber welche Arbeit hinter ihm lag, das wußten nur die Eingeweihten.“62

Da bin ich mir nicht so sicher, dass die alles wussten.

Das Buch von Hans-Peter der Lorent: „Täterprofile, Band 2, Hamburg 2017“ ist in der Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg erhältlich.

Anmerkungen
1 Personalakte Johannes Saß, StA HH, 361-3_A 1268
2 „Hamburger Abendblatt“ vom 30.8.1969.
3 Personalakte a.a.O.
4 Ebd.
5 Personalakte a.a.O.
6 Lebenslauf in der Personalakte, a.a.O.
7 Weiterer Lebenslauf in der Personalakte, a.a.O., Blatt 79, abgeschrieben aus der 1926 in Hamburg gedruckten Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der philosophischen Fakultät.
8 Siehe die Biografie Gustaf Deuchler, in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 1, Hamburg 2016, S. 142ff.
9 Personalakte a.a.O.
10 Johannes Saß: Ein Jahr Berufsleben, HLZ 6/1927, S. 109ff; Johannes Saß: Von Sitzenbleibern und Sonderklassen, HLZ 37/1927, S. 590ff.
11 Johannes Saß: Die Elbe von Hamburg bis Cuxhaven, Himmelheber-Verlag, 1931, in 4. Aufl. 1951 im Kröger Verlag, Hamburg.
12 Einspruch gegen seine Entlassung vom 9.7.1946, Entnazifizierungsakte Johannes Saß, StA HH 221-11_Ed 6736
13 Aufbau Heft 11/1932, als Kopie in der Entnazifizierungsakte, a.a.O.
14 Ebd.
15 HLZ 16/1931, S. 221. Siehe: Kristina Steenbock: Nationalsozialistische Gleichschaltung der „Gesellschaft der Freunde“, in: 175 Jahre Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens. Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Landesverband Hamburg, Hamburg 1980, S. 132ff. Gekürzt ist dieser Beitrag auch abgedruckt in: Ursel Hochmuth/Hans-Peter de Lorent: Hamburg: Schule unterm Hakenkreuz, Hamburg 1985, S. 13ff. Siehe auch: Hans-Peter de Lorent: „Laßt hinter Euch die Welt des Intellekts.“ Der Nationalsozialistische Lehrerbund, in: Reiner Lehberger/Hans-Peter de Lorent (Hg.): „Die Fahne hoch.“ Schulpolitik und Schulalltag in Hamburg und am Hakenkreuz, Hamburg 1996, S. 119.
16 HLZ 49/1933, S. 676.
17 Personalakte a.a.O.
18 Personalakte a.a.O.
19 Alle Daten dazu in der Personalakte, a.a.O.
20 Johannes Saß: Plattdeutsches Wörterverzeichnis mit Regeln, Meissner Verlag Hamburg 1935.
21 Der Name wurde unterschiedlich, mal mit ß, mal mit ss geschrieben.
22 Schreiben vom 4.1.1936, Personalakte a.a.O.
23 Erklärung vom 29.1.1936, Personalakte a.a.O.
24 Siehe die Biografie Bruno Peyn in: de Lorent 2016, S. 480ff.
25 Schreiben vom 1.11.1940, Personalakte a.a.O.
26 Als 1942 auch die älteren Jahrgänge zur Wehrmacht gezogen worden, beantragte die Schulverwaltung die uk-Stellung von Johannes Saß, Personalakte a.a.O.
27 Schreiben vom 4.11.1942, Personalakte a.a.O.
28 Schreiben vom 29.5.1941, Entnazifizierungsakte a.a.O.
29 Befähigungsbericht, Personalakte a.a.O.
30 Ebd.
31 Kurzvermerk Köhne vom 5.1.1943, Personalakte a.a.O.
32 Laut Personalakte, a.a.O.
33 Schreiben vom 2.10.1944, Personalakte a.a.O. Siehe auch die Biografie Albert Henze, in: de Lorent 2016, S. 162ff.
34 Schreiben vom 12.8.1945, Personalakte a.a.O.
35 Alle Angaben laut Entnazifizierungsakte, a.a.O.
36 Laut Personalakte, a.a.O. und dem von Johannes Saß und Hermann Quistorf herausgegebenen „Niederdeutsches Autorenbuch“, Hamburg 1959, S. 159.
37 Schreiben vom 20.7.1946, Entnazifizierungsakte a.a.O.
38 Empfehlung vom 26.8.1946, Entnazifizierungsakte a.a.O.
39 Beschluss des Leitenden Ausschusses vom 16.4.1948, Entnazifizierungsakte a.a.O.
40 Beratender Ausschuss vom 6.4.1949, Entnazifizierungsakte a.a.O.
41 Berufungsausschuss vom 30.4.1949, Entnazifizierungsakte a.a.O.
42 Ebd.
43 Schreiben von Johannes Saß an Senator Landahl von 8.8.1945, Entnazifizierungsakte a.a.O.
44 Ebd.
45 Ebd.
46 Siehe HLZ 16/1933, S. 221.
47 Ebd.
48 Schreiben vom 20.1.1946, Entnazifizierungsakte a.a.O. Siehe dazu auch die Biografie Hermann Saß, in: de Lorent 2016, S. 178ff.
49 Schreiben vom 16.11.1945, Entnazifizierungsakte a.a.O.
50 Ebd.
51 Schreiben vom 9.7.1946, Entnazifizierungsakte a.a.O.
52 Schreiben vom 17.1.1946, Entnazifizierungsakte a.a.O.
53 Schreiben vom 18.1.1946, Entnazifizierungsakte a.a.O.
54 Personalakte a.a.O.
55 Personalakte a.a.O.
56 Personalakte a.a.O.
57 Die „Welt“ vom 18.3.1971.
58 „Hamburger Abendblatt“ vom 30.8.1969.
59 „Hamburger Abendblatt“ vom 14.10.1964.
60 „Hamburger Abendblatt“ vom 6.9.1969.
61 Personalakte a.a.O.
62 Die „Welt“ vom 6.1.1972.
 

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Datenbank online Die Dabeigewesenen

Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Februar 2019: 716 Kurzprofile und 276 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startet online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen, wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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