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Paul Dittmer

(15.11.1894 Hamburg - 31.5.1967)
Schulleiter des Christianeums, Stadtschulrat für Volks- und Mittelschulen
Wohnadresse: Pestalozzistraße 6 ( Altona, 1938)

Ein karrierebewusster Nationalsozialist „mit lumpenhafter Gesinnung und pöbelhaftem Gebaren“.

Paul Dittmer galt als karrierebewusster und unangenehmer Nationalsozialist. Peter Meyer, an dessen Schule Dittmer vom 1.4.1927 bis zum 30.4.1933 als Studienrat arbeitete, bezeichnete ihn in seinem Tagebuch als Menschen „mit einer lumpenhaften Gesinnung" und einem „pöbelhaften Gebaren". Meyer stellte fest: „Kein Altonaer Lehrer hat wohl einen derartigen Hass auf sich gezogen". (1) Schulleiter Peter Meyer hatte Dittmer schon als Referendar kennengelernt und war Mitglied der Prüfungskommission bei der zweiten Lehrerprüfung von Paul Dittmer lange vor der Machtübertragung an die Nationalsozialisten gewesen.

Die Einschätzung von Peter Meyer korrespondierte durchaus mit Erinnerungen und Äußerungen der Abiturienten des Jahres 1950 vom Christianeum, die 50 Jahre später über ihre Schulzeit von 1941 bis 1950 ein ausführliches „Klassenbuch" erstellten. (2) Was die ehemaligen Schüler des Christianeums erinnerten, illustriert die Aussage von Oberstudiendirektor Peter Meyer.

Paul Dittmer war von Altonas Oberschulrat Hermann Saß zum Schulleiter des Christianeums berufen worden, als der von den Schülern geachtete Schulleiter Hermann Lau am 26.8.1942 abgelöst wurde. (3)

So hieß es bei Burkhard Elsner, dessen Vater selbst Lehrer am Christianeum war: „Der Neue kam und mit ihm ein anderer ‚Geist‘. Ein Mann mit scharfem Blick und energischem Gang. Den linken Arm hatte er wohl schon im ersten Weltkrieg verloren. Der leere Ärmel des Jacketts war flach in die Außentasche gesteckt. Aber der Rock saß nun nicht mehr richtig, sondern rutschte beständig links ab. Fortwährendes Zucken mit der Schulter diente der Korrektur seines Sitzes. ‚Jungs, das muss anders werden!‘ war die bevorzugte Redensart des nunmehr Regierenden, den einige von uns aus nahe liegenden Gründen auch ‚Fleischer‘ nannten. Der alte Schlendrian sollte abgeschafft werden. Jeden Montag war vor dem Gebäude Flaggenparade, zu der wir anzutreten hatten. Täglich vor Schulbeginn ließ uns Dittmer (so hieß der Forsche) klassenweise an der Eingangstreppe antreten und vom jeweiligen Klassenlehrer nacheinander ins Gebäude führen. Diese Prozedur dauerte endlos und wollte nicht klappen. Ich weiß nicht mehr, ob sie lange beibehalten wurde. Dittmer trug am Revers das Abzeichen seiner Partei, die ja damals die einzige in Deutschland war. Alsbald verlangte er von allen seinen Lehrer-Untergebenen, die gleichfalls ‚PeGes‘ waren das Tragen dieses schwarz-weiß-roten Signums." (4)

An anderer Stelle wurde berichtet: Drei Schüler hatten mit einem typischen Pennälerstreich den Kartenraum von außen mit einer Wandkarte blockiert, dass ein Kartenholer die Tür von innen nicht mehr öffnen konnte. „Dabei waren wir von Dittmer, dem Nachfolger des alten Direktors Lau, erwischt worden. Dittmer, einarmig, war ein Nazi und übler Typ. Aus irgendeinem Grund wurde ich von ihm für die Hauptstrafe ausgesucht und für Pfingstsonntag vormittags in die Schule bestellt. Da Sonntags die Dampfzüge nur selten fuhren, musste ich früh aufstehen. Dittmer ließ sich zunächst ganz ruhig und freundlich von der Munitionsexplosion erzählen, die ich aus ziemlicher Nähe miterlebt hatte. Dann zog er sein Jackett aus, hängte es über seinen Stuhl und holte einen langen Stock hinter dem Schrank hervor. Ich musste mich bücken und bekam etwa fünf sehr starke Schläge auf das Hinterteil. Zu seinem offensichtlichen Ärger gelang es mir, die Tränen zurückzuhalten, bis ich nach Ermahnungen über die notwendige Schuldisziplin in Kriegszeiten entlassen wurde. Als ich mittags nach Haus kam, hatte ich lange, blaurote, aufgeplatzte Striemen auf Hintern und Rücken. Mein Vater rief sofort Heinz Schröder in Blankenese an, der noch am Nachmittag kam und sich die Angelegenheit ansah. Offiziell habe ich nichts mehr davon gehört, aber Schröder (Sozialdemokrat mit Zivilcourage) soll in der Schule beträchtlich gegen Dittmer vorgegangen sein." (5)

Heinz Schröder war Klassenlehrer dieser Klasse, bis 1933 Sozialdemokrat und wurde nach 1945 Oberschulrat für die höheren Schulen, was für Dittmer nach Ende der Nazizeit nicht günstig sein sollte.

Der zuvor geschilderte Fall war beileibe kein Einzelfall: „Des Direktors Energie beschränkte sich aber nicht nur auf politische Bereiche. Spürbar verstand er es, seine Schüler in Angst und Schrecken zu versetzen. Da Zucht und Ordnung sein Hauptanliegen schien, wurde schon die kleinste Disziplinlosigkeit (Ballspiel auf dem Gang, Sitzen auf der Fensterbank und dergleichen) mit grausamer Strafe belegt. Er ließ unterschiedslos jeden, den er bei einer solchen Lappalie erwischte, nach dem Unterricht ins Direktorzimmer kommen, wo der Delinquent in gebückter Haltung mittels eines elastischen Steckens drei gut gezielte und mit fürchterlicher Wucht geschlagene Hiebe auf sein Hinterteil erhielt, dass ihm für Minuten Luft und Sprache wegblieb. Versuche, sich die Hose mit Wollsocken auszustopfen, wurden entdeckt und mit vermehrter Schlagzahl entlohnt. Manch einer, wie wohl hart gesotten, trat weinend den Heimweg an." (6)

Die Einlassungen der damaligen Schüler dieser Klasse des Christianeums werfen kein günstiges Licht auf Schulleiter Paul Dittmer: „Das braune Lager hatte sich wahrhaft Satanisches ausgedacht, um wenigstens noch ein paar der Verdächtigten, aber schwer Angreifbaren, zu Fall zu bringen. In immer kürzeren Abständen mussten wir uns in der Aula versammeln, um uns irgend eine neue Philippika des Einarmigen anzuhören. Jetzt gab es dort regelmäßig einen militärischen Lagebericht, der zuerst von unserm Lateiner Schröder, dann von Wilhelm Elsner - beides entschiedene Demokraten - an der Landkarte absolviert werden musste. Ein heikles Unternehmen, denn in Russland ging es schon zurück. So jung wir waren: Viele von uns wussten, dass man an entsprechender Stelle nur auf ein falsches ‚Wort‘ des Referenten wartete.“

Ergänzt wurde: „Es ging nach dem Krieg die Fama um, es habe einen Judas unter den Lehrern gegeben, der dem neuen Herren verriet, auf welchen Kollegen ein scharfes Auge zu werfen sei. In den Konferenzen soll er mitstenographiert haben. Tatsächlich wurde er nach dem Kriege in unserer Schule nicht mehr gesehen. Nur einmal noch bekam ich ihn zu Gesicht: im Gang vor der Turnhalle stand er, scheu in eine Ecke gedrückt, und bat mich, einen ehemaligen Kollegen aus dem Lehrerzimmer zu holen; er hätte noch etwas mit ihm zu besprechen. Ich glaube, er hat vergeblich gewartet…"  Bei dem Judas handelte es sich um den Zeichenlehrer Adolf de Bruyker, der in diesem Buch gesondert portraitiert ist.

Die Schüler hatten ein feines Gespür dafür, welche Lehrer der Schule zu welchem „Lager" gehörten. So schrieb der ehemalige Schüler Detlev Stoltenberg:

„Während der Nazizeit wussten wir genau, welche Lehrer regimetreu waren, wer als Spitzel fungierte (Dr.Trog) und welche Lehrer oppositionell eingestellt waren: Zum Beispiel Bangen, Elsner, Gabe, Schröder, Stadel. Obwohl ich begeisterter Hitlerjunge und mit 13 Jahren bereits Jungzugführer und Fahnenträger war, zollte ich den zuletzt Genannten Respekt ob ihrer klaren Haltung. Bewundert habe ich auch unseren ersten Direktor Lic. Dr. Lau, eine vornehme, durchgeistigte Gestalt. Bald nach unserer Einschulung wurde er durch einen strammen Nazi ersetzt. Dittmer hieß er, grobschlächtig war er. Ich sehe ihn einarmig und mit einem Stock in der verbliebenen Hand durch das Schulgebäude marschieren, nicht selten in SA-Uniform. Wir haben ihn nicht ernst genommen, ihn trotz seiner Drohgebärden eher verachtet und als völlig fehl am Platze empfunden." (7)

Sollte es sich bei der von Dittmer getragenen Uniform tatsächlich um eine SA-Uniform gehandelt haben, hatte Dittmer diese Mitgliedschaft in seinem Entnazifizierungsfragebogen 1945 nicht angegeben.

Paul Dittmer war früh, am 1.4.1932 Mitglied (Nummer 6082) des NSLB geworden, dort als Gau-Fachschaftsvertreter und kommissarischer Leiter Erziehung und Unterricht tätig. Mitgliedschaften auch im NSV, dem VDA, dem Reichskolonialbund, der NSKOV und, zum 1.5.1937, auch in der NSDAP. (8)

Seine dienstliche Karriere begann am 1.4.1934. Stadtrat Hermann Saß ernannte ihn zum Stadtschulrat für Volks- und Mittelschulen. Dittmer nutzte die Seilschaft zu dem neuen starken Mann im Altonaer NS-Schulwesen. Kurz zuvor war er Saß behilflich gewesen. Als Hermann Saß sich gegen den Makel zur Wehr setzte, 1924 wegen Unfähigkeit aus dem Schuldienst entlassen worden zu sein, testierte Dittmer dem neuen Stadtrat, dass damals politische Gründe die Ursache gewesen sein. Dittmer war im Schuljahr 1923/24 Studienassessor an derselben Anstalt gewesen. Er habe mit Saß in derselben Klasse unterrichtet und gemeinsam gegessen. „Besonders am Mittagstisch haben wir uns in einem Kreise von vier Kollegen des Reform-Realgymnasiums sehr häufig über die politische Lage unterhalten. Im Laufe dieser Unterhaltungen betonte Herr Dr. Saß stets seine unbedingt völkische Einstellung und brachte Gedankengänge in unsere täglichen Gespräche hinein, die dem größten Teil des Kollegiums der damaligen Zeit noch völlig fremd waren." (9)

Ungewöhnlich, dass Dittmer als Studienrat für die höheren Schulen nun die Verantwortung für die Volks- und Mittelschulen in Altona erhielt. Das geeignete NS-Personal dafür war offenbar überschaubar und Saß vertraute seinem Verbündeten aus den für ihn schwierigen Zeiten unter sozialdemokratischer Ägide. Dittmer war zudem als Funktionär des NSLB in Altona aktiv gewesen.

Paul Dittmer war am 15.11.1894 als Sohn des Lehrers Waldemar Dittmer in Hamburg- Stellingen geboren worden. Er hatte die Volksschule in Stellingen besucht, dann die II. Knabenmittelschule in Altona, war danach zur Realschule St. Pauli gegangen, um darauf die Oberrealschule Eimsbüttel (Kaiser- Friedrich- Ufer) zu besuchen und dort die Reifeprüfung abzulegen. Aufgrund der begrenzten Mittel der Familie, die ein Studium nicht ermöglichten, begann Dittmer zunächst eine kaufmännische Lehre. (10) Nach Beginn des Krieges meldete er sich freiwillig beim Infanterie-Regiment 31 in Altona. Dittmer nahm „am Feldzug in Frankreich" teil, wurde bei „Stellungskämpfen" 1915 an Kopf und Rücken durch Granatsplitter verletzt. Am 15.7.1916 erlitt er eine Minensplitterverletzung, die zur Amputation des linken Arms führte.(11)

Nach dem Krieg studierte Paul Dittmer  Mathematik und Naturwissenschaften an der Universität Jena. Danach absolvierte er seinen Vorbereitungsdienst an der Oberrealschule Altona. Mitglied der Prüfungskommission war Peter Meyer, der ebenfalls Mathematiklehrer war. Anschließend arbeitete Dittmer am Lehrerseminar in Segeberg und kam am 1.4.1923 für ein Jahr als Assessor vertretungsweise an das Realgymnasium nach Altona, wo er Hermann Saß als Lehrerkollegen kennenlernte. Nach einer weiteren Station am Lyzeum II in Altona gelangte Dittmer dann am 1.4.1927 an die Oberrealschule Altona, an der er bis zu seiner Berufung als Stadtschulrat unter Schulleiter Peter Meyer unterrichtete.

Die weitere Karriere führte Dittmer weg aus Altona. Städtischer Schulrat blieb er bis zum 31.3.1938, dann wurde er zum Oberstudiendirektor befördert. Zuerst, ab 1.4.1938, für ein Jahr an der Richard Wagner Schule in der Felix-Dahn-Str., im Gebäude des heutigen Instituts für Lehrerfortbildung. Zum 1.4.1939 wurde Dittmer an die Kirchenpauer-Schule versetzt. Tags zuvor war der dortige Schulleiter, Cäsar Iburg des Amtes enthoben und an die Oberrealschule Altona als Studienrat versetzt worden, weil der Vater seiner Ehefrau Jude war. Dittmer sprang in die Bresche, der eifrige machtbesessene Soldat der Partei. (12)

Im Sommer 1939 wurde er dann Schulleiter an der Oberschule für Jungen an der Armgartstraße und als die NS-Schulverwaltung ein weiteres Revirement unter Schulleitern vornahm, Erwin Zindler sollte das Johanneums straffer führen, der vorherige parteitreue Schulleiter Puttfarken musste untergebracht werden und wurde an die Armgartstraße als Schulleiter versetzt. Hermann Saß holt Paul Dittmeram 26.8.1942 zurück nach Altona, wo er den bisherigen Schulleiter Hermann Lau auswechselte, weil aus Sicht von Schulverwaltung und NSDAP auch das Christianeum straffer geführt werden sollte. (13)

Die Wechsel der Schulleitung am Johanneum und Christianeum hingen damit zusammen, dass an beiden Schulen eine Reihe von Schülern sich in für die Nationalsozialisten empörender Weise veränderten. Ulf Andersen beschrieb dies in der Festschrift zum 200- jährigen Jubiläum des Christianeums 1988: „Von Anfang 1940 an legten sich Schüler des Christianeums und anderer Hamburger Oberschulen erst vereinzelt, dann immer häufiger, ein äußeres Erscheinungsbild zu, dass den Erziehungsidealen der HJ und dem Zeitgeist des zweiten Kriegsjahres total widersprach: längere Haare, wie legere weite Hosen, karierte Sakkos, dazu ein Regenschirm, Seidenschal und Baskenmütze. Unter den Söhnen der Hamburger Kaufmannsfamilien, und damit auch in den Elbvororten, war ein anglophiler Anstrich gefragt.

Das verbindende Element, das diese Gruppen für 16 - 18-jährige Oberschüler über alle Exklusivität hinaus anziehend machte, war der Swing. Man schwärmte für Duke Ellington und Teddy Staufer, tauschte heimlich Schallplatten aus und genoss mit dieser ‚Niggermusik‘, wie die offizielle Sprachregelung lautete, ein Gefühl der Ungezwungenheit und Weltläufigkeit auf kleinen Partys im Hause oder in den Sportclubs. Zunächst war diese Welle nicht mehr als ein harmloser Protest gegen die als spießig empfundene Moral von Partei und HJ und gegen die von der Reichsrundfunkkammer verordneten Klänge in den Volksempfängern. Die Parteigewaltigen reagierten jedoch äußerst empfindlich auf diese Mode." (14)

Der Ton der Schulverwaltung hatte sich verschärft, als der bisherige Landesschulrat Willi Schulz durch Krankheit ausfiel und der Leiter der Gauführerschule in Hamburg, Albert Henze (15), 1940 als Oberschulrat für die höheren Schulen der starke Mann in der Hamburger Schulverwaltung geworden war: „In einer seiner ersten Sitzungen mit Schulleitungen referiert Albert Henze über die ‚Verwahrlosung der Jugend‘, die auch eine Anzahl von Schülern der Oberschulen betrifft. Die Schulleiter ‚müssen mit allen Mitteln bestrebt sein, die Schüler (innen) aus der Schule zu entfernen, die durch äußere und innere Haltung zu erkennen geben, dass sie nicht würdig sind, eine höhere Schule zu besuchen.‘" (16)

Damit waren in erster Linie die Schüler gemeint, die der sogenannten Swing-Jugend zugerechnet wurden.

Am 21. Oktober 1940 hatte die Gestapo eine mehrere Monate umfassende Aktion gestartet, die zu einer ersten großen Verhaftungswelle gegen die Swing-Jugend führte, die in erster Linie gegen Schülerinnen und Schüler gerichtet war. 63 Jugendliche wurden festgenommen. Offenkundig veranlasste Albert Henze diese Verhaftungen, denn in der genannten Sitzung hatte er als Beispiel für Jugendverwahrlosung und Ausschweifungen Swing-Tänze und englische Platten genannt. Er berichtete von Überfällen auf  HJ-Angehörige durch Jugendliche, die gekennzeichnet seien „durch lange Haare, auffallend weiße Schals und Hut im Nacken". (16)

Henze arbeitete in der Kampagne gegen die Swing-Jugend eng mit dem gleichaltrigen SS-Sturmbannführer Karl Hintze zusammen, der verantwortlich war für Misshandlungen und Einlieferungen von Swing-Jugendlichen in Konzentrationslager. Auf Initiative von Albert Henze fand am 13. Dezember 1941 eine Schulleiterkonferenz unter Vorsitz von Reichsstatthalter Karl Kaufmann statt. Dies zeigte, wie sehr Henze seine Aufgaben in der Schulverwaltung mit dem NSDAP-Apparat verband und war überdies eine massive Kampfansage an eine Jugendbewegung, die als gefährlich eingeschätzt wurde. Gestapomitarbeiter, die zu dieser Schulleiterkonferenz als Referenten eingeladen worden waren, berichteten über Swing-Jugendliche an Hamburger Oberschulen. Die Schulleiter wurden eingeschworen, verdächtige Jugendliche über Henze an die Gestapo-Leitstelle zu melden. Einer dieser Verdächtigten war der 16-jährige Heiner Fey, Schüler des Christianeums. Das Schicksal von Heiner Fey ist in der Biografie von Albert Henze näher beschrieben worden. (17)

Insgesamt standen etwa 25 Jugendliche, viele davon Schüler des Christianeums, miteinander in Verbindung.

Henze gab ein Verzeichnis der Schulverwaltung über „Schüler und Schülerinnen der hiesigen höheren Schulen, die seit dem 1. April 1940 von der Schule verwiesen oder an eine andere Schule strafversetzt worden sind" in Auftrag, das an die Gestapo weitergeleitet wurde. Darüber hinaus ging eine Aufstellung mit weiteren 13 Namen von Schülerinnen und Schülern, die wegen staatsabträglichen Verhaltens bestraft worden waren, ebenfalls an die Gestapo.

Am 29.6.1942 konnte Henze vor dem Beirat der Schulverwaltung Erfolge präsentieren: „Die Beteiligung von Schülern an der Swing-Bewegung habe nachgelassen, nachdem durch 20-30 Verweisungen von der höheren Schule streng durchgegriffen worden sei. Es sei Vorsorge getroffen worden, dass die Betreffenden auch an den privaten Vorbereitungsanstalten ihre Reifeprüfung nicht ablegen könnten. Die Swing-Bewegung als solche sei jedoch bisher nicht abgeflaut. Es seien daher weiterhin zahlreiche Verhaftungen und Bestrafungen erforderlich geworden." (18)

In einer Dienstbesprechung mit den Direktoren der Oberschulen am 19.12.1942 gibt Albert Henze die Anweisung: „Schülern und Schülerinnen, von denen die Schule erfahre, dass sie der Swing-Jugend angehören, sind, ohne sie zu vernehmen, über die Schulverwaltung dem Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, SD-Leitabschnitt Hamburg, Hamburg 36, Kaiser Wilhelmstraße 46, mitzuteilen". (19)

Der Kampf gegen vermeintliche Gegner des NS-Regimes beschränkte sich nun nicht auf auffällige Jugendliche, sondern auch auf Lehrer und Schulleiter, die Henze nicht als zuverlässig im Sinne des NS-Staates einschätzte. Im Zusammenhang mit dem Kampf gegen die Swing-Jugend, die unter den Schülern auffällig viele Anhänger am Christianeum hatte, richtete Henze sein Augenmerk auf die Schulleitung des Christianeums und Lehrer dieser Schule, die er für die „Verwahrlosung" der Schülerschaft verantwortlich machte.

Am 13. und 16.1.1942 suchte Albert Henze die Schule auf und trug dort eine Anklageschrift vor, die aufgrund einer Untersuchung der Schulverwaltung über die politische Haltung des Schulleiters Hermann Lau und die Studienräte Dr. Gabe, Heinrich Schröder und Wendling erstellt worden war und auf Denunziationen mehrerer Lehrer des Christianeums beruhte. Diese Anklageschrift war eine der Konsequenzen der Schulleiterkonferenz vom 13.12.1941 unter dem Vorsitz des Reichsstatthalters Karl Kaufmann. Die zu einer Gesamtkonferenz zusammengerufenen Lehrer des Christianeums forderte Henze auf, weiteres Belastungsmaterial gegen den wegen politischer Unzuverlässigkeit zu überprüfenden Schulleiter Hermann Lau und die genannten Kollegen vorzubringen. Das Kollegium weigerte sich in der Konferenz, diesem Ansinnen nachzukommen. (20)

So sah die Situation am Christianeum aus, als Paul Dittmer dort als Schulleiter eingesetzt wurde, um für die rechte Ordnung zu sorgen. Ulf Andersen beschrieb, wie Paul Dittmer am Christianeum agierte: „Als die völlig überraschten Schüler sich nach den Ferien zum Fahnenappell versammelten, stand ein neuer Direktor vor ihnen: Paul Dittmer, bisher Leiter der Schule Armgartstraße , davor Schulrat in Altona. An seiner Linientreue brauchte die Partei nicht zu zweifeln. Er hatte schon vorher bewiesen, daß er mit politisch unzuverlässigen Schülern nicht lange fackelte. Nun hatte er Gelegenheit, mit strammer Gesinnung und massiven Drohungen die ‚Verwahrlosung der Jugend‘ am Christianeum ein für allemal zu beenden. Schon nach wenigen Tagen trat er mit dem Bannführer vor die Schülerschaft, um ihr die Leviten zu lesen. Als abschreckendes Beispiel musste der ‚ehrlose Mischling‘ H. herhalten. Das Christianeum aber wurde mit dem Dienstantritt Dittmers vom Reichserziehungsminister offiziell in den Rang einer ‚besonders bedeutenden‘ Anstalt erhoben. Im Umgang mit dem Kollegium kehrte der Ton von Führerbefehlen in die Schule ein. Ein tiefer Graben, über den es keine Verständigung mehr gab, spaltete die Mehrheit der Lehrer von denen, die den Sturz Laus betrieben hatten." (21) Der Rang einer „besonders bedeutenden Anstalt“ hatte in erster Linie eine Besoldungsverbesserung für Dittmer zur Folge.

Paul Dittmer kam zu einem Zeitpunkt, als Schulunterricht nicht mehr wie gewohnt stattfand. Ulf Andersen stellte dar, wie es am Christianeum ab 1940 aussah:

„Seit den ersten großen Luftangriffen auf Hamburg im Herbst 1940 organisierte die NSDAP gemeinsam mit der Schulverwaltung die groß angelegte Kinderlandverschickung (KLV) in die ungefährdeten Gaue des Großdeutschen Reiches. Sie dauerte in der Regel mehrere Monate. Im Mai 1941 wurden erstmals 250 Unterstufenschüler des Christianeums mit der KLV aus Hamburg fortgebracht. Auf die Zurückgebliebenen warteten in den verlängerten Ferien Ernteeinsätze in Mecklenburg und im Landkreis Stade, am Ende auch der Dienst als Luftwaffenhelfer an der Heimatfront. Die größten Lücken in der Lehrerschaft wurden durch reaktivierte Ruheständler notdürftig aufgefüllt. Fremde Klassen und Lehrer aus zerstörten Nachbarschulen fanden in dem beengten Gebäude Unterschlupf, das trotz schwerer Bombeneinschläge auf dem Schulgelände im wesentlichen unversehrt blieb. Der Unterricht musste immer häufiger unterbrochen oder abgekürzt werden. Nach jedem Fliegeralarm begann die Schule entweder später oder fiel ganz aus. Mehrfach führte Kohlemangel wochenlang zur völligen Schließung." (22)

Paul Dittmer leitete also keinen regulären Schulbetrieb. Das bedeutete nicht, dass er nicht trotzdem noch Übles anrichten konnte. So hatte er dem Schüler Max Josef Miller 1943 trotz erbrachter Leistung das Reifezeugnis verweigert. Die Eltern bemühten deswegen einen Rechtsanwalt um Unterstützung. Rechtsanwalt Lurati wendete sich an Dittmer und schickte dem inzwischen im Kriegsdienst befindlichen Soldaten Miller die Antwort des Oberstudiendirektors Dittmer mit der Feldpost am 9.7.1943. Dittmer hatte dem Rechtsanwalt erklärt: „Dem Schüler Max Josef Miller konnte die Reife nicht zuerkannt werden, da nach seiner politischen Einstellung die Voraussetzung nicht gegeben war. U. a. ist er während seiner Schulzeit nicht zu bewegen gewesen, der HJ beizutreten. Im Einverständnis mit der Schulverwaltung bin ich jedoch bereit, ihm eine Brücke zu bauen: Wenn er sich nach einjährigem Fronteinsatz besonders bewährt hat und diese Bewährung durch Bestätigung seiner Truppenteile nachweist, bin ich bereit, ihm die Reife nachträglich zuzusprechen." (23)

Paul Dittmer markierte den unrühmliche Schlusspunkt der personellen Entwicklung am Christianeum während der NS-Zeit.

Interessant ist nun, wie Dittmer sich äußerte, als die Herrschaft der Nationalsozialisten beendet war.

Am 27.6.1945 wurde Paul Dittmer vom Schulsenator Heinrich Landahl im Auftrag der britischen Militärregierung beurlaubt und später entlassen. Dittmer, dem der sonst mit christlicher Grundhaltung und weitem Herzen vergebende Oberstudiendirektor der Altonaer Oberrealschule, Peter Meyer, eine „lumpenhafte Gesinnung und pöbelhaftes Gebaren" nachgesagt hatte, dieser Paul Dittmer sollte es im Entnazifizierungsverfahren nicht leicht haben.

In seinen Einlassungen versuchte Dittmer das Bild zu zeichnen, in erster Linie reine Berufsverbandsinteressen verfolgt zu haben. Seinen frühen Eintritt in den NSLB erklärte er fast gewerkschaftlich motiviert: „Seit dem 1.4.1932 war ich Mitglied des N.S. Lehrerbundes. Massgebend für meinen Eintritt war die Tatsache, dass der N.S.L.B. ein Zusammenschluss von Lehrern aller Schularten, der Ober-, Volks- und Berufsschulen, war, sodass in ihm eine Erörterung der Erziehungsfragen auf besonders breiter Grundlage möglich war. In ihm habe ich die Betreuung der Jugend nach Vollendung der Volksschulpflicht, die erzieherischen Vor- und Nachteile des Landjahres bearbeitet. Irgend einen politischen Charakter hatte meine Arbeit in keiner Weise. Der Lehrerbund hatte z. Zt. überhaupt gar keine Bindungen zur NSDAP. Bis zur Machtübernahme durch den Nationalsozialismus habe ich im NSLB kein Amt bekleidet. Im Berufsverband – dem Phil. Verein – war ich vor 1933 Vertrauensmann des Lehrkörpers meiner Schule, später Vorsitzender der Kreisgruppe Altona und als solcher im Vorstand des Provinzialverbandes." (24)

Er vertuschte dabei, dass Anfang des Jahres 1932 nur eine kleine Anzahl von besonders überzeugten nationalsozialistischen Lehrern dem NSLB überhaupt angehörten, und der Philologen-Verein zu diesem Zeitpunkt keineswegs in diese Richtung tendierte.

„Während mich im Jahr 1932 lediglich rein fachliche und berufsethische Motive in den NSLB geführt hatten, lehnte ich dagegen den Eintritt in die Partei – auch im Jahre 1933 – trotz mehrfacher Aufforderung ab. Ich hatte eine grundsätzliche Abneigung gegen jede Parteitätigkeit, darüber hinaus aber befürchtete ich durch die Dienststellen der Partei eine Beeinflussung meiner Diensttätigkeit – ich war inzwischen auf das Schulamt berufen worden. Ich wollte bei der Durchführung des Gesetzes zur Bereinigung des Berufsbeamtentums auf jeden Fall meine Selbstständigkeit bewahren." (25)

Als Stadtschulrat hatte er kurz nach seiner Berufung seinen ehemaligen Kollegen, den Zeichenlehrer Hugo Schnüge, gegenüber Stadtrat Hermann Saß denunziert und das Schnüge gegenüber damit begründet, er habe „diese Auskunft ganz alleine aus dem Empfinden gegeben, daß ich als Nationalsozialist verpflichtet bin, zu verhindern, daß Personen, von denen bekannt ist, dass sie gesinnungsgemäß pazifistisch-liberalistisch eingestellt gewesen sind, heute in führende Stellung der nationalsozialistischen Bewegung gelangen.“ (26)

Dittmer verschwieg auch, dass erst die aktive Mitarbeit im NSLB ihn erneut in den Fokus von Hermann Saß rückte, der Dittmer aufgrund langer Bekanntschaft und der Nähe zu völkischem Gedankengut schätzte. Gerade wegen seiner NSLB-Aktivitäten in Altona wurde Dittmer von Hermann Saß zum Stadtschulrat gemacht. Da ging es wahrlich nicht um berufsethische Motive.

Und auch die weitere Einlassung glich vielen ähnlichen Stellungnahmen, in denen NS- Aktivisten sich zu Unschuldslämmern stilisierten, die nicht aufgrund politischer Verbindungen, sondern allein wegen ihrer von Leistungen im NS-Staat Karriere gemacht hätten: „Im Jahre 1937 bin ich dann der NSDAP beigetreten, ohne jedoch jemals engere Bindungen zu dieser gehabt zu haben. Ämter in der Partei habe ich nicht bekleidet." Und: „In meinen Dienstgeschäften habe ich mich stets bemüht, objektiv gegen jedermann zu sein, ob er nun Parteimitglied war oder nicht. Die damalige Schulverwaltung in Hamburg hatte mir dann aufgrund meiner pädagogischen und organisatorischen Fähigkeiten eine Schulleiterstelle übertragen. Als Direktor verschiedener Hamburger Schulen habe ich stets ein gutes Verhältnis zu den Schülern, Eltern und den arbeitswilligen Lehrern gehabt." (27)

Das sahen diejenigen, die Dittmer an den Schulen oder im Schulwesen erlebten, ganz anders.

Der Beratende Ausschuss für die Entnazifizierung im höheren Schulwesen hatte Peter Meyer gehört, sowie die Studienräte Dr. Kunrede, Claussen und Kurenbachder Oberschule Armgartstraße , die Dittmer geleitet hatte, bevor er ans Christianeum kam: „Herr P. Meyer spricht mit harten Worten von der politischen Tätigkeit Herrn Dittmers in den ersten Jahren nach 1933. Er sagt, wenn das Wort Aktivist überhaupt auf jemanden zutreffe, dann auf Herrn Dittmer. Die weiteren Zeugen, die unter Herrn Dittmer in der OS für Jungen Armgartstraße tätig waren, sagen aus, dass er begeisterter Nationalsozialist gewesen ist, aus seiner Zugehörigkeit (oder seinen Beziehungen) zum SD und aus seiner Freundschaft mit dem Altonaer Kreisleiter keinen Hehl gemacht habe. Es sei nicht angenehm gewesen, mit ihm als Direktor zusammenzuarbeiten." (28)

Im Berufungsausschuss wurde auch der schon erwähnte Fall des Schülers Max Josef Miller verhandelt. Millers Vater hatte schon am 2.10.1947 an die Zentralstelle für Berufungsausschüsse geschrieben und festgestellt: „Der Oberstudiendirektor Dittmer hat meinem Sohne Max Josef Miller die Reife nicht zuerkannt, weil nach seiner politischen Einstellung die Voraussetzung nicht gegeben war und weil er während seiner Schulzeit nicht zu bewegen war, der HJ beizutreten. Bei seiner Antrittsansprache soll Dittmer erklärt haben, daß Schülern die nicht der HJ angehören, die Reife nicht zuerkannt werden kann." (29)

Dittmer erklärte dazu, der Vorgang habe schon im Herbst 1942 stattgefunden, unter Leitung seines Vorgängers Dr. Lau. Er habe dann nach Vermittlung des Rechtsanwalts Lurati nach einjährigem Fronteinsatz des Max Miller „und der Verleihung des Eisernen Kreuzes an Miller das Reifezeugnis erteilt“. (30) Die Hinweise auf seine Antrittsrede am Christianeum kommentierte er nicht.

Der Beratungsausschuss urteilte am 27.4.1949 milder und beschloss, Dittmer in den Ruhestand zu versetzen und ihm bis zum 65. Lebensjahr 75 % der Pension eines Studienrats und von diesem Zeitpunkt an die volle Pension zuzuerkennen. „Es war hierbei zu berücksichtigen, dass Dittmer seit seiner Entlassung überhaupt kein Gehalt oder Ruhegehaltsbezüge erhalten hat und dass ihn diese Maßnahme besonders hart traf, weil er infolge seiner Kriegsbeschädigung keine andere Arbeit und damit kein anderes Einkommen fand. Dittmer war bei seinem frühen Beitritt zum NSLB und seinem Eintreten für den Nationalsozialismus in die Kategorie IV einzustufen." (31)

Eine Rolle spielte dabei, dass Dittmer auch Leumundszeugnisse zu seinen Gunsten vorbringen konnte von Nachbarn und auch von ehemaligen Altonaer Schulleitern. Befremdlich ist aus meiner Sicht eine Bescheinigung von Hans Lüthje, der in der NS-Zeit selbst an verschiedenen Schulen leitende Funktionen innehatte, so etwa als Schulleiter der Heilwigschule, an der die Lehrerin Yvonne Mewes der Gestapo ausgeliefert wurde, weil sie sich geweigert hatte, in der Kinderlandverschickung (KLV) zu arbeiten. Sie wurde Ende 1944 ins KZ Ravensbrück eingeliefert, wo sie am 6.1.1945 starb. (32) Schulleiter Lüthje spielte dabei eine problematische Rolle. Er hatte durch seine Beurteilung von Yvonne Mewes in einem Schreiben an die Schulverwaltung einen Anstoß für das Schicksal der Lehrerin gegeben. Lüthje war vorher stellvertretender Schulleiter an der Richard-Wagner Schule gewesen, Stellvertreter in dem Jahr, als dort Paul Dittmer Schulleiter geworden war. Hans Lüthje, nach 1945 erstaunlicherweise wieder als Schulleiter eingesetzt an der Emilie-Wüstenfeld-Schule, schrieb: „Aus unserer gemeinsamen Arbeitszeit kenne ich Herrn Dittmer als überzeugten Nationalsozialisten, der aber in keiner Weise durch ‚Druckmittel‘ seiner Ansicht im Kollegium Geltung zu verschaffen suchte, vielmehr sich stets human und hilfsbereit gegen alle Kollegen - ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit - gezeigt hat. Im Kollegium galt Herr Dittmer - um es mit dem damals oft gebrauchten Wort zu sagen - als ein durchaus ‚anständiger Kerl‘.“ (32)

Wohl eine sehr singuläre Sicht, aber für den Ausschuss eine schwergewichtige Aussage. Lüthje unterzeichnete als Oberstudiendirektor und suggerierte damit, 1945 zu den Unbelasteten zu gehören, deren Aussage Gewicht hatte.

Über die KLV-Verweigerern Yvonne Mewes hatte Lüthje fünf Jahre vorher geschrieben: „Ein bis zum Fanatismus wahrheitsliebender Mensch, der keine Bindung anerkennt und anerkennen will, sich rücksichtslos gegen alles stemmt, was nach Zwang aussieht, sich mit allen Kräften gegen die notwendigen Anforderungen der Gemeinschaft sträubt. Sie ist alles in allem der Prototyp eines Individualisten, in ihre Ideen verrannt, schwer, wenn überhaupt, belehrbar und anderen Gedanken kaum zugänglich…" (34)

Später, als Yvonne Mewes schon bedroht war, hatte Lüthje noch ergänzt: „Mewes ist in ihrer Sucht jeglicher Bindung auszuweichen, auch nicht der NSDAP beigetreten." (35)

Aber Paul Dittmer war für Lüthje ein „anständiger Kerl", dem fünf Jahre nachdem Yvonne Mewes, die im Gegensatz zu Dittmer und Lüthje „jeglicher Bindung auszuweichen" suchte, im KZ Ravensbrück umgekommen war, im vierten Jahr nach der Naziherrschaft 75 % des Studienratsgehalts im Ruhestand und mit 65 Jahren das volle Ruhegehalt zugesprochen wurde.(36)

Paul Dittmer starb am 31.5.1967. In der Traueranzeige im „Hamburger Abendblatt“ wird er alsOberstudiendirektor im Ruhestand betitelt.

Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1. Peter Meyer: Chronik (Tagebuch) 1945/1946, Eintrag vom 20.10.1945, StA HH, 731-1 Handschriftensammlung_Nr. 2912, Notiz vom 18.6.1945, S. 15.
2. Unser Klassenbuch, 12 g Abitur 1950, Erinnerungen an die Zeit im Christianeum 1941-1950. Ein Exemplar befindet sich im Archiv des Schulmuseums Hamburg. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des „Klassenbuchs“ waren alle ehemaligen Schüler selbst etwa 65 Jahre alt.
3. Siehe Biografie Hermann Lau in diesem Buch.
4. Erinnerung von Burkard Elsner, in: Unser Klassenbuch, a.a.O., S.65 f.
5. Unser Klassenbuch, a.a.O., S. 54.
6. Ebd., wie auch die weiteren Zitate.
7. Unser Klassenbuch, a.a.O., S. 117. Detlev Stoltenberg wurde später von 1972-1994 Schulleiter des Albrecht-Thaer-Gymnasiums in Hamburg.
8. Alle Angaben nach Entnazifizierungsakte Dittmers, StA HH, 221-11_Ed 1045
9. Siehe Biografie Hermann Saß in diesem Buch.
10. Alle Angaben nach Personalakte Dittmer, StA HH, 361-3_A 1611
11. Ebd.
12. Siehe Biografie Iburg in diesem Buch.
13. Siehe Biografie Hermann Lau.
14. Ulf Andersen: Das Christianeum während des Dritten Reiches, in: Ulf Andersen (Hrsg.): 250 Jahre Christianeum 1738-1988, Bd.1. Hamburg 1988, S. 152
15. Uwe Schmidt, Nationalsozialistische Schulverwaltung, Hamburg 2008, S. 61. Siehe auch die Biografie Albert Henze in diesem Buch.
16. StA HH, 31-2 IV_1530, Zusammenarbeit Schule HJ
17. Siehe die Biografie Albert Henze. Zu Heiner Fey siehe: www.martinguse.de/jugend-kz/mobiografies.htm
18. StA HH, 31-2 IV_1530, Zusammenarbeit Schule HJ.
19. Siehe Biografie Albert Henze.
20. Schmidt 2008, S.77. Siehe auch Andersen, a.a.O., S. 157.
21. Andersen, a.a.O., S.158.
22. Ebenda, S. 158f.
23. Entnazifizierungsakte Dittmer, StA HH, 221-11_Ed 1045
24. Eingabe Dittmers: „Einspruch gegen meine Entlassung ohne Gewährung von Ruhegehalt“ vom 31.12.1948, ebd.
25. Ebd. Alle Äußerungen Dittmers aus diesem Schreiben.
26. StA HH, 421-3Provinzialschulkollegium_III a 2. Siehe auch Biografie Hugo Schnüge in diesem Buch.
27. Schreiben vom 31.12.1948, Personalakte Dittmer, a.a.O.
28. Stellungnahme vom 27.1.1949, in: Entnazifizierungsakte Dittmers, a.a.O.
29. Ebd.
30. Ebd.
31. Ebd.
32. Gerhard Hoch: Yvonne Mewes: „Warten, daß ich mich ins Unrecht setze…“, in: Ursel Hochmuth/Hans-Peter de Lorent (Hg): Hamburg. Schule unterm Hakenkreuz, Hamburg 1985, S. 259 ff.
33. Schreiben vom 5.7.1948, Entnazifizierungsakte Dittmers, a.a.O.
34. Gerhard Hoch, a.a.O., S. 260.
35. Gerhard Hoch, a.a.O., S.262.
36. Personalakte Dittmer a.a.O.
 

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Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Mai 2020: 819 Kurzprofile und 275 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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