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Karl Züge

(28.4.1885 Hamburg - 7.8.1969)
Schulleiter Bismarckgymnasium, Oberschulrat
Schlankreye 29 (Privatadresse)

Der letzte Vorsitzende des Philologenvereins machte weiter Karriere über die NSDAP-Mitgliedschaft

Karl Züge war eine wichtige Person in Hamburgs Schulgeschichte. Jahrelang führte er an der Oberrealschule in der Bogenstraße , später Bismarckgymnasium, ein Kollegium, das aus vielen Reserveoffizieren bestand, konservativ, deutschnational und, als die Zeit gekommen war, zu einem erheblichen Teil nationalsozialistisch. Aus dem Kollegium gingen mit Walter Behne, Bruno Peyn und Erwin Zindler andere einflussreiche Personen der Hamburger NS-Schulgeschichte hervor. Züge war der letzte Vorsitzende des Philologenvereins, in enger Abstimmung mit seinem Vorgänger und Förderer Theodor Mühe, der 1933 Oberschulrat für die höheren Schulen wurde. Karl Züge wurde 1933 NSDAP-Mitglied und kam 1942 als Oberschulrat in die Schulverwaltung. Diese Karriere endete 1945. Züge musste für kurze Zeit ins Internierungslager Neuengamme, nach schleppender Entnazifizierung übergab man ihm erneut eine Funktion im Hamburger Schulwesen. 1957 wurde er CDU-Deputierter in der Schulbehörde.

Karl Züge wurde am 28.4.1885 in Hamburg als Sohn eines Telegrafensekretärs geboren. Er besuchte nach der Seminarschule des Lehrerseminars (1892-1895) das Realgymnasium in Altona, wo er 1904 die Reifeprüfung bestand. Er studierte danach in Halle neuere Sprachen (Englisch und Französisch) und legte am 23.1.1909 das  1. Staatsexamen ab. 1907 promovierte er, seine Arbeit: „Das Verkleidungsmotiv in den englisch-schottischen Volksballaden".

Die praktische Ausbildung absolvierte Karl Züge an der Realschule Eilbeck und am Realgymnasium des Johanneums. Schon 1910 wurde er an die Oberrealschule an der Bogenstraße versetzt, die Schule, an der er, mit kurzen Unterbrechungen bis Ende 1941 bleiben sollte, die längste Zeit als Schulleiter. (1)

Am 22.9.1911 war Karl Züge zum Oberlehrer ernannt worden.

Eine prägende Zeit für Züge, wie für viele Lehrerkollegen seiner Generation, war der Erste Weltkrieg. Züge wurde am 4.2.1915 zur Gardeinfanterie eingezogen, 1916, nach einer Kriegsverletzung, im Hilfslazarett Halle behandelt, erklärte man ihn für „dauernd untauglich". Doch nach kurzer Vertretungszeit am Kirchenpauer-Realgymnasium zog Züge „wieder ins Feld". Dabei fungierte er „als Verbindungsmann des Vereins der Oberlehrer zu allen dem Verband angehörenden Kriegsteilnehmern". (2)

Seit dem 14.6.1918 „galt Unteroffizier Züge als vermisst". (3) Er war in Kriegsgefangenschaft geraten, aus der am 14.7.1919 entlassen wurde und anschließend an die Bogenstraße als Oberlehrer zurückkehrte.

Am 28.12.1923 heiratete Züge die Lehrerin Paula Behr, im selben Jahr wählten ihn das Kollegium und der Elternrat der Oberrealschule an der Bogenstraße zum Schulleiter. Das Kollegium wurde von Karl Züge und einigen Reserveoffizieren dominiert, konservativ, deutschnational, die in der NS-Zeit Karriere machten und auch schon vorher entsprechend agierten. Seit 1913 waren der spätere Oberschulrat Walter Behne, Bruno Peyn und seit 1922 Erwin Zindler Mitglieder des Kollegiums. (4)

Uwe Storjohann, der beeindruckende Erinnerungen an seine Schulzeit an der Jahnschule und an der Oberrealschule in der Bogenstraße , ab 1933 Bismarck-Oberrealschule, veröffentlichte, schilderte Schulleiter Karl Züge folgendermaßen:

„Karl Züge hat immer großen Wert auf sein Äußeres gelegt, sei ‚wie aus dem Ei gepellt‘, wie ein Gentleman gekleidet gewesen, besonders korrekt und nicht, wie sein Stellvertreter, Hermann Schmidt, cholerisch, hinterhältig und gemein." Wobei Storjohann die „Feierliche Weihestunde“ am 9. November 1938 schilderte, die in  der Aula stattfand und einen anderen Zug Züges offenlegt: „Unser Direx, Dr. Züge schwört uns ein auf den Geist der Männer, die am 9. November 1923 zusammen mit dem Führer für unser aller Zukunft und die Reinerhaltung der Rasse zur Münchener Feldherrenhalle marschiert waren und im Kugelhagel der Reaktion ihren Blutzoll entrichtet hatten. Die ‚Reinerhaltung der Rasse‘ hatte Dr. Züge bei den Feierstunden in den Jahren vorher nie erwähnt. Sie dient ihm nur zur Überleitung auf die ‚jüdische Freveltat‘ in Paris. Und während er das Opfer vom Rath den Helden des 9. November zu Seite stellt, dröhnt durch die Aula Studienrat Timms bulliger Baß:‘ Gnade Gott ihnen allen, wenn er es nicht überleben sollte.‘“(5)

Im späteren Entnazifizierungsverfahren wurde Behne und Peyn bescheinigt, dass sie das Kollegium schon vor 1933 in Richtung der späteren Staatsdoktrin „terrorisiert" hätten. Durchaus im grundsätzlichen Einverständnis mit Karl Züge.

In der schwierigsten Zeit der Weimarer Republik feierte die Schule ihr 25-jähriges Jubiläum. Karl Züge hielt die Festansprache „in der schlichten Gedenkstunde", die in der Aula stattfand. Er beschrie dabei die Sorgen um die Zukunft der Jugend angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit und mancher Wirren in diesen Zeiten: „Die besten Kräfte werden brachgelegt; es bleibt kein Platz, keine freie Stelle mehr für die nachwachsenden Jahrgänge der Jugend… Gewiß ist die materielle Not der Nachkriegszeit in vielen Ländern groß, viel schlimmer aber ist die seelische Not einer Generation, die infolge der Bedrängnisse des vergangenen Jahrzehnts den Glauben an eine vernünftige und gerechte Ordnung der Welt zu verlieren beginnt. In der heutigen Notzeit ist unsere Aufgabe schwer und verantwortungsvoll. Aber wir schöpfen stets neue Kraft aus dem Optimismus der Jugend, der uns täglich anfeuernd begegnet." Und: „Wir wollen dahin wirken, dass die Jugend sich freimacht von den Ketten der Verhetzung, des Hasses, des Brudermordens; wir müssen helfen, die Brücken zu bauen, die alle Stände verbinden, müssen die Jugend weiter ausrüsten mit der Schärfe geistiger Waffen, die geführt werden von einem gesunden Körper, müssen vor allem Männer erziehen, denen das Vaterland mit seinen Aufgaben über dem Ich steht… In uns lebt dieser Glaube an eine bessere Zukunft, da krasser Pessimismus und Jugend unvereinbar sind, solange diese sich nicht selbst aufgibt." (6)

1933 wurde die Schule in Bismarck-Oberrealschule umbenannt. Karl Züge trat am 1.5.1933 in die NSDAP ein, in den NSLB am 1.8.1933. (7)

Walter Behne wurde Oberschulrat für höhere Schulen, Bruno Peyn Leiter der Oberrealschule vor dem Holstentor. Insbesondere Behne, der schon 1931 in die NSDAP eingetreten war, forderte nun in seinem alten Kollegium von allen Lehrern, ebenfalls der NSDAP beizutreten. Dieses gelang im Laufe der Zeit auch nahezu vollständig. Entsprechend hatte sich der Geist der Schule entwickelt. Und so wurde in der Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum der Schule 1956 lapidar berichtet: „Die Politisierung der Schule trat in den ‚Richtlinien‘ für den Unterricht am deutlichsten hervor. Da an unserer Schule von jeher der Standpunkt vertreten worden war, daß der heranwachsende junge Mensch auch zum Staate hin erzogen werden müsse, stimmte man den Richtlinien in manchem zu. Man hielt an der Erziehungsaufgabe, wie sie bisher verstanden worden war, auch weiterhin fest, was bei aller Betonung des vaterländischen Gedankens eine Humanisierung des Politischen bedeutete. Die unterrichtliche Wegroute wurde zwar immer genauer vorgeschrieben und Unterrichtsgebiete wie Rassenkunde und Vererbungslehre, deutsche Vorgeschichte und Stammeskunde erhielten einen besonderen Rang, aber der propagandistischen Absicht wurde meistens schon dadurch entgegengetreten, daß die Kompliziertheit der Probleme den Schülern erkennbar wurde. Die Förderung der Leibesübungen wurde durchaus begrüßt. Mit der Einführung der vierten Turnstunde wurde ein lange umkämpftes Ziel erreicht. Selbst der in den Richtlinien von 1937 enthaltene Satz ‚Erstrebenswert ist, daß jeder Klassenlehrer zugleich Turnlehrer ist‘, konnte nicht sonderlich befremden, hatte doch schon der erste Direktor unserer Schule darauf Wert gelegt, dass die jüngeren Herren des Kollegiums wie er selbst die Lehrbefähigung im Turnen erwarben. Auf die Bestimmung, daß die Leistungen in den Leibesübungen zum Ausgleich in der Reifeprüfung berechtigten, berief man sich nur in strittigen Fällen, wenn die charakterliche Haltung des Schülers zur Beurteilung herangezogen wurde." (8)

Karl Züge war nicht nur nominelles NSDAP-Mitglied, sondern der Bewegung loyal und aktiv verbunden. Uwe Schmidt schrieb über Karl Züge, er „entwickelte sich geradezu zu einem Fachmann in der Organisation von Kampagnen durch Aktionen wie Aula-Versammlungen und -Feiern, Luftschutzübungen, Geldsammlungen und – nicht zuletzt – Aufmärschen. Zur Teilnahme an einer nationalsozialistischen Großkundgebung im November 1933 ließ Züge Texte für Sprechchöre herstellen und nahm die Planung des Aufmarsches seiner Schüler selbst in die Hand, am 1. Mai 1935 marschierte er an der Spitze seiner klassenweise in Dreierreihen angeordneten Schüler zu einer paramilitärischen Jugendkundgebung auf der Moorweide. Dort begegneten sie zahlreichen gleichartigen Schülerformationen.“ (9)

Und natürlich fand auch unter Schulleiter Züge an der Bismarck-Oberrealschule der normale Antisemitismus statt, zum Teil mit skurrilen Zügen: „Ein externer Lehrer der Bismarck-Oberrealschule forderte 1934 den jüdischen Schüler Hans Engel auf, ‚den Juden‘ zu beschreiben, ohne ihn selbst als Juden zu erkennen. Nichts von den angeblich typischen Merkmalen passte auf Engel, und nichts von den angeblich typischen germanischen Merkmalen passte auf Hitler. Engel, Primus der Klasse, verstand offenbar das Groteske an dieser Zumutung und referierte mithilfe seiner Nachbarn alle gängigen Klischees: schwarzes Haar, Koteletten, Plattfüße, dünne Beine, schwarze Samtaugen, dicke Lippen und die Beschneidung. Durch dieses Schauspiel brachte er die ganze Klasse zum Lachen." (10)

Uwe Schmidt berichtete davon, dass derselbe Hans Engel sich weigerte, an der Bismarck-Oberrealschule an einem Konzert mitzuwirken, das der Musiklehrer, ein – wie es heißt – „100 % iger Nazi", vorbereitete und in dem das Lied „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann geht's nochmal so gut" gegeben werden sollte. „Obwohl der Schulleiter Karl Züge wie der Musiklehrer die Auffassung vertrat, Engel dürfe seine Mitwirkung nicht an Bedingungen knüpfen, blieb der Schüler bei seinem Nein, musste aber in der letzten Reihe sitzen und sich das Lied anhören." (11) Verwaltungsmäßig, bürokratisch loyal verhielt sich Züge auch bei der Abschulung von jüdischen Schülern, deren Anteil durch den nationalsozialistischen Terror auch in Hamburg immer weiter reduziert wurde. Die Zahl der jüdischen Schülerinnen und Schüler in Hamburg hatte sich seit Beginn des Schuljahres 1938/39, nach dem auch in Eimsbüttel heftigem November-Pogrom „von 1285 auf 600 Schülerinnen und Schülern zum 1.4.1939 reduziert“. Neun Tage nach dem Anzünden der Synagoge am Bornplatz, an dem auch mindestens ein Lehrer der Bismarck-Oberrealschule beteiligt war, nämlich Paul Löden, wie Uwe Storjohann berichtete (12), notierte Schulleiter Karl Züge im Mitteilungsbuch der Schule: „In der Mitteilungsmappe befindet sich die Anordnung betr. sofortige Abschulung jüdischer Schüler. Ich glaube nicht, dass bei uns noch Schüler infrage kommen, ordne aber an, dass jeder Klassenlehrer nochmals eine Überprüfung vornimmt und mir Meldung erstattet". (13)

Karl Züge unterhielt eine enge Verbindung zu dem wendigen und ehrgeizigen Theodor Mühe, der ehedem eher reformerisch orientiert gewesen, parallel zu Züge Schulleiter an der Nachbarschule, der Oberrealschule Eimsbüttel ( Kaiser-Friedrich-Ufer ) gewesen war und sehr aktiv im Hamburger Philologenverein. Mühe fungierte dort als eine Art Mentor für Karl Züge. Mühe, der ab 1924 2. Vorsitzender im Philologenverein gewesen war und 1. Vorsitzender 1932-33, hatte Züge animiert, als einfaches Mitglied 1931, wenngleich noch erfolglos als stellvertretender Vorsitzender zu kandidieren. 1932 kam Karl Züge dann in den Vorstand des Philologenvereins und löste 1933 Mühe als Vorsitzenden ab, als dieser in die Schulverwaltung zum Oberschulrat berufen wurde. Züge hat nach seiner Wahl dem ihm so verbundenen Vorgänger Mühe gedankt „für seinen zähen Kampf um die Belange der höheren Schule, den er seit Jahren – lange vor dem Durchbruch der ‚nationalen Revolution‘ mit scharfer Klinge gegen die zersetzenden Einflüsse eines volksfremden Novembersystems und seine Exponenten in Wort und Schrift gefördert habe." (14)

Uwe Schmidt hat in seinen Publikationen zur Hamburger Schulgeschichte immer betont, dass die Gleichschaltung des Hamburger Philologenvereins länger gedauert hatte als die der „Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens" und daraus eine gewisse Resistenz gegen den Nationalsozialismus abgeleitet. Am Ende ging auch der Philologenverein 1935 im NSLB auf, Karl Züge war 1933 Doppelmitglied und Theodor Mühe sorgte mit einer Art „Kuhhandel", wie Hans Rösch dies titulierte, dafür, dass bei der Besetzung der Schulleiterstellen 1933 die Mitglieder des Philologenvereins zu einem Drittel berücksichtigt wurden. (15)

In seinen Aussagen lieferte der neue 1. Vorsitzende des Philologenvereins, Karl Züge, kaum einen Grund, die Eigenständigkeit weiter so zu betonen. Ideologisch unterschied er sich nicht wirklich vom NSLB. NSDAP-Mitglied Züge erklärte nach seiner Wahl, „Schwergewicht und Programmatik der Verbandsarbeit würden weiterhin die Bildungsziele und Bildungsaufgaben der höheren Schule im Dritten Reich sein“. (16) Und am 23.10.1933 versicherte Karl Züge dem Leiter der Schulverwaltung, Karl Witt, der Philologenverein entspreche in „seiner Konstruktion allen Anforderungen des nationalsozialistischen Staates", denn er werde „von der Spitze bis in seine Untergliederungen hinein nationalsozialistisch geführt, seine Zielsetzung ist nationalsozialistisch, seine Satzungen sind auf dem Führerprinzip, dem Arierparagraphen und den politischen Grundsätzen der NSDAP aufgebaut und gestatten ohne weiteres auch die Eingliederung sämtlicher an höheren Schulen tätigen Lehrkräfte. Er hat seit Jahren bildungs- und kulturpolitisch vorbildliche und national wertvolle Arbeit geleistet, ist niemals in den Verdacht marxistischer Einstellung gekommen, und steht auch heute mitten im Herzen bildungspolitischer Arbeit auf dem riesigen Gebiet des Neubaus der deutschen höheren Schulen.“ (17)

Theodor Mühe hatte am 13.4.1933 als noch erster Vorsitzender des Philologenvereins rechtzeitig vor der Besetzung der entscheidenden Stellen im Hamburger Schulwesen durch den neuen NS-geführten Hamburger Senat den einstimmigen Beschluss seiner Organisation mitgeteilt, dass „in der Verwaltung und Schulaufsicht im Bereich der höheren Schulwesens künftig nur Männer berufen werden möchten". (18)

Am Ende blieb die Eigenständigkeit des Philologenvereins nicht bestehen. 1935 wurde die Eingliederung in den NSLB vollzogen und Karl Züge übernahm später die Leitung der Fachschaft höhere Schulen, als der bisherige Leiter, Ernst Hüttmann, ausscheiden musste, weil er beim Erbringen des Ariernachweises feststellte, dass seine Ehefrau jüdische Vorfahren hatte. (19)

Karl Züge herrschte weiter an der Bismarck-Oberrealschule in der Bogenstraße , besuchte Führertagungen und Reichslehrgänge in Bayreuth, nachdem er als NSLB-Funktionär im nahegelegenen Curio-Haus ein und ausging. (20)

Am 9.9.1940 wurde Züge von Karl Witt zum Vertreter eines Oberschulrats im höheren Schulwesen bestellt. Seit dem 24.9.1940 agierte er als Stellvertreter Theodor Mühes als Prüfungsvorsitzender beim wissenschaftlichen Prüfungsamt.

Der interimistische Senator für das Schulwesen, Oscar Toepffer, erstellte am 31.12.1940 einen Vermerk, in dem er dem Reichsstatthalter Karl Kaufmann vorgeschlagen hatte, Züge zum Oberschulrat zu ernennen. Der bisherige dienstunfähige Oberschulrat Dr. Hermann Saß sollte laut Toepffer eine andere Verwendung finden, etwa in Elsass-Lothringen. Kaufmann stellte die Entscheidung über Züge „bis nach dem Krieg zurück", falls Saß gehen sollte, würde Züge berufen werden.

Am 1.1.1942 wurde Karl Züge als Oberschulrat in die Behörde geholt. Oberschulrat Saß war nicht mehr dienstfähig und Wilhelm Oberdörffer hatte um Versetzung in den Ruhestand ersucht. (22)

Karl Züge war Oberschulrat in Zeiten des Krieges, der den Schulalltag immer stärker überschattete und in dem der Unterricht mehr und mehr zusammenbrach. Uwe Schmidt nannte Züge einen „zwar angepassten, funktionierenden, dennoch nicht inhumanen" Schulaufsichtsbeamten: „Am 9.5.1942 nahm er an der 50-Jahr-Feier der Oberschule für Jungen Eilbeck teil, dankte für die geleistete Arbeit und ‚wies die Richtung für Haltung und Einsatz im Kriege und übergab ein Führerbild als Geschenk der Schulverwaltung‘. Im November/Dezember 1942 leitete Züge die Arbeitsbesprechungen der mit der Auslese beauftragten Schulleiter der zehn Auslese-Schulkreise. Am 8.2.1945 gab Züge in Ausführung von Direktiven des Reichsunterrichtsministeriums bekannt, die zum Kriegsdienst eingezogenen Schüler der Geburtsjahrgänge 1926 und 1927, würden, da sie die Schule ohne ordnungsgemäße Abiturprüfung verlassen mussten, einen sog. ‚Reifevermerk‘ erhalten." (23) Natürlich exekutierte Karl Züge alles, was die Partei vorgab. In Auseinandersetzung mit Swing-Jugendlichen, die es auch an seiner alten Schule und an einigen höheren Schulen in Hamburg gab und gegen die mit harter Hand vorgegangen wurde, entschied Oberschulrat Züge beim Swing-Jugendlichen- Schüler P.: „Die ganze Haltung des P. lässt erkennen, dass er nicht auf die höhere Schule gehört. Die beiliegende Akte der Gestapo bestätigt seine sittliche Unreife. Er wird daher von der höheren Schule verwiesen." (24)

Und als es Probleme mit der Akzeptanz der Kinderlandverschickung gab, forderte Oberschulrat Karl Züge die Schulleiter auf, „dafür zu sorgen, dass die in der Öffentlichkeit immer wieder auftauchenden Klagen über ungenügenden Einsatz der Lehrerschaft zum Verstummen gebracht werden", und sicherzustellen, „dass in der Schule sachdienliche Auskünfte erteilt und Sprechstunden angekündigt würden, auf denen weiterhin für die KLV geworben werden sollte. Die besten Erfolge habe die KLV dort, wo der Schulleiter selbst mit ins KLV-Lager gegangen sei." (25)

Am 11.10.1943 bescheinigte Justitiar Hasso von Wedel Karl Züge, dass er „im Interesse seiner wissenschaftlichen und fachlichen Arbeiten eine gute und umfassende philosophische Hausbibliothek benötigte." (26) Kurz zuvor war die Privatwohnung Züges in der Schlankreye 29 in einer Bombennacht ausgebrannt und vernichtet worden. (27)

Da Karl Züge mit Theodor Mühe der einzig verbliebene Oberschulrat für die höheren Schulen war, wurde er am 25.1.1944 „Uk“ gestellt.

Das nächste Datum in Züges Personalakte war die Anordnung seiner Entlassung durch die britische Militärregierung am 25.6.1945. (28) Vorher, am 18.5.1945 hatte er den Entnazifizierungsfragebogen ausgefüllt: NSDAP ab 1.5.1933, NSLB ab 1.8.1933, seit 1939 Fachschaftsleiter für höhere Schulen im NSLB; dann noch NSV, Reichsbund der deutschen Beamten seit 1935, NS-Reichskriegerbund, NS-Altherrenbund. (29)

Am 22.9.1945 teilte Schulsenator Landahl mit, Züge sei auf Anordnung der Militärregierung aus seinem Amt entlassen und später verhaftet worden. Die Schulverwaltung biat die Militärregierung, Schritte zu unternehmen, die zu einer Freilassung des Herrn Dr. Züge führen könnten. Erst einmal wurde Karl Züge nach der Verhaftung vom 19.7.1945 noch einige Monate, bis zum 6.12.1945, in das Internierungslager Neuengamme überführt. In der Öffentlichkeit tauchte Züge das erste Mal bei der Trauerfeier des verstorbenen ehemaligen Oberstudiendirektors der Oberrealschule Eppendorf, Prof. Rudolf Schmidt wieder auf, am 21.3.1946. (30)

Mitte Juni 1945 war Züge noch davon ausgegangen, dass er weiter als Leiter einer höheren Schule beschäftigt werden könnte. (31) Am 19.1.1946 beantragte er seine Wiedereinstellung und gab eine geschönte Interpretation seines beruflichen Weges zu Papier. So schrieb er unter anderem: „1933 trat ich im Zwange des Verlaufs der Ereignisse in die NSDAP ein, in der ich mich niemals politisch betätigt habe, als Schulleiter wurde ich bestätigt. Schon mehrere Jahre vor dem politischen Umsturz gehörte ich dann dem Vorstand des Hamburger Philologenvereins an, in den ich durch das Vertrauen der Lehrerschaft gewählt worden war und dessen Vorsitz ich übernahm, um seine Belange auch nach 1933 weiter zu vertreten. Schnell wurde ich in eine Kampfstellung gegen die NSDAP gezwungen und wehrte mich in Ansprachen und Rundschreiben energisch gegen die Auflösung meiner Fachorganisation, deren gewerkschaftliches Eigenleben zerstört werden sollte. Kurz vor Ausbruch des Krieges übernahm ich dann auf Zureden vieler alter Mitarbeiter und meines unmittelbaren Vorgesetzten, Dr. Oberdörffer, im NSLB die Leitung der Fachschaft höhere Schulen, um die kontinuierliche Fortsetzung früherer Arbeit und den alten Geist nach Möglichkeit zu erhalten. Bewusst lenkte ich meine Arbeit ausschließlich auf pädagogisch-wissenschaftlichem Zielgebiete, mit Politik hatte diese Tätigkeit nichts zu tun. 1940 wurde ich auf die ausdrückliche Bitte von Herrn Dr. Oberdörffer in die Schulverwaltung berufen, als dieser sein Amt niederlegen musste und wünschte, die von ihm seit 1921 in der Verwaltung geleistete Arbeit in seinem Sinne fortgesetzt zu sehen. Schon viele Jahre vor 1933 war ich von Herrn Dr. Oberdörffer bei wichtigen schulischen Entscheidungen beratend hinzugezogen worden. Auch als Oberschulrat habe ich mich bemüht, frei von politischen Bindungen, zum Wohle aller zu wirken, bin niemals in Reden und Schriften hervorgetreten, so schwer mir diese Haltung bisweilen gemacht wurde. Da ich weiß, dass ich ohne eine innere Umstellung auch heute jederzeit wirkungsvoll mitarbeiten kann, bitte ich, mir eine meinen Fähigkeiten und Kräften angemessene Beschäftigung zuzuweisen, oder sollte diesem Wunsche nicht entsprochen werden können, mich auf der Grundlage des von mir erdienten Ruhegehalts und gegebenenfalls der späteren Hinterbliebenenversorgung zu pensionieren, zumal ich mich, besonders nach dem 20wöchigen Aufenthalt im Internierungslager Neuengamme erhöhten Ansprüchen zur Zeit grundsätzlich nicht gewachsen fühle.“ (32)

Und in der Tat, es gab gewichtige Leumundszeugnisse, die Züge unterstützten und sich für ihn verwendeten. So etwa der ehemalige Lehrer an der Bismarckschule und jetzige Schulleiter dieser Schule, Otto Nicolai, der am 29.8.1945 schrieb: „Unter Dr. Züges Führung hat die junge Schule sich eine Tradition geschaffen, wie es wohl selten einer Schule in so kurzer Zeit gelungen ist. Als 1933 hereinbrach, hat Dr. Züge unter dem Druck der Verhältnisse, besonders wohl durch das Einwirken der Herren Behne und Peyn, sich aus Sorge um seine geliebte Schule an der er mit allen Fasern seines Herzens hing, der Partei angeschlossen“. Er habe „niemals Druck im Nazisinne ausgeübt, auch später als Oberschulrat in seinem erweiterten Arbeitsbereich irgendwie parteimäßigen Gesinnungszwang ausgeübt." (33)

Otto Nicolai war ein in der Bismarck-Oberrealschule angesehene Lehrer, der aufgrund seiner früheren Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge nicht NSDAP- Mitglied werden konnte und sich auch für zahlreiche andere schwer belastete NS- Aktivisten mit Leumundszeugnissen einsetzte.

Auch der ehemalige Landesschulrat Prof. Ludwig Doermer, der 1933 seines Amtes enthoben worden war, bot Senator Landahl einige Argumente für eine etwaige Besprechung mit dem für den Bildungsbereich der Britischen Militärregierung Verantwortlichen, Major Shelton, an: „Die Schulbehörde kennt Dr. Karl Züge als einen besonders sachlich arbeitenden Beamten, der keinerlei NS-Gesinnung zur Schau trug. Landesschulrat Doermer, dessen Schulaufsicht Dr. Züge bis 1933 unterstand, hat in den Jahren vor 1933 mancherlei Zeichen nationalsozialistischer Umtriebe am Lehrkörper der von Dr. Züge geleiteten Schule beobachten können, aber nichts dergleichen hat er je bei Dr. Züge feststellen können. Dr. Züge gehört zu den Männern, denen die Erfüllung ihrer Pflichten als Lehrer und Erzieher alles andere überwog, so dass er seine politische Zugehörigkeit nicht mit der erforderlichen Einsicht und Klugheit wählte. Aber er ist ein völlig unbescholtener Mann, von dessen Haltung keinerlei Gefährdung des neuen demokratischen Staatswesens zu befürchten ist."

Auch der Direktor des Thalia-Theaters, Willi Maertens erklärte am 19.2.1946, dass bei seinem Sohn, Schüler der Oberrealschule in der Bogenstraße , die arische Abstammung angezweifelt worden sei und Schulleiter Züge stets bemüht gewesen sei, ihm bei diesen Schwierigkeiten zu helfen: „Er hat im Verlaufe unserer wiederholten Unterhaltungen offen seine scharfe Kritik über die ihm unverständlichen Verfügungen gegenüber den Nichtariern zum Ausdruck gebracht."

Pastor Voß von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Hoheluft bestätigte am 19.2.1946, dass Züge immer ein Mitglied seiner Kirche gewesen sei und mit der Kirche auch nach 1933 Kontakt gehalten habe.

Der Beratende Ausschuss für die Oberbeamten der Schulbehörde, dem Heinrich Schröder, Gustav Schmidt und Johannes Schult angehörten, entschied am 9.8.1946: „Seine Belastung erscheint nicht gering. Eintritt in die NSDAP 1933, Fachschaftsleiter NSLB, Beförderung zum Oberschulrat 1942. Aber alle, die die Gesinnung Züge kennen und die seine Tätigkeit beobachten konnten, sind übereinstimmend der Meinung, dass er alles andere war als ein NS-Aktivist. Er glaubte durch seine nominelle Mitgliedschaft und durch die Annahme der ihm gebotenen Ämter der höheren Schule Nachteiliges als Schulleiter, als Oberschulrat und als Vorsitzender des Philologenvereins zu verhindern, wozu er nur durch diese Stellung in der Lage war. Er hat sich, wie beigefügte Gutachten zeigen, auch für nichtarische Schüler eingesetzt und im Gegensatz zu Oberschulrat Behne, der ein fanatischer Nationalsozialist war, hat er sein Amt immer nur sachlich und unparteiisch geführt." Es gäbe in der Hamburger Lehrerschaft auch keine lautgewordene Stimme, die dieses bestreiten würde. „Infolgedessen erscheint es gerechtfertigt, Züge als nominelles Mitglied anzusehen und ihm die Pension eines Studienrats, die er sich zweifellos durch seine jahrzehntelange einwandfreie Amtsführung verdient hat, zu bewilligen." (34)

Am 14.2.1947 entschied der Berufungsausschuss, Züge mit der Pension eines Oberstudiendirektors in den Ruhestand zu versetzen. Der Fachausschuss 6b stufte ihn am 9.9.1947 als Mitläufer ein und am 10.1.1950 wurde er in Kategorie V eingestuft, als Entlasteter.

Im August 1947 reaktivierte die Schulbehörde Karl Züge dann sogar wieder und beschäftigte ihn als Direktor der Dienststelle Schülerkontrolle. Erst ab dem 1.10.1950 schied er wegen Erreichung der Altersgrenze aus und wurde in den Ruhestand versetzt. (35)

Landesschulrat Ernst Matthewes schrieb Züge zu seiner Pensionierung: „Sie übernahmen am 23. August 1948 nach dem so plötzlichen Ableben ihres Vorgängers völlig unvorbereitet die Leitung der Dienststelle Schülerkontrolle und damit einen Aufgabenbereich, der sich im Stadium einer inneren Umgestaltung befand. Schnell und mit großem Geschick haben sie sich in die neue Aufgabe hineingefunden. Kraft ihrer reichen pädagogischen Erfahrung und ihrer freudigen uneigennützigen Hingabe an die Aufgabe ist es ihnen gelungen, in den wenigen Jahren ihres Wirkens an der Dienststelle Schülerkontrolle ein Werk aufzubauen, das sich schon jetzt als außerordentlich segensreich erwiesen hat. Die Schulbehörde bedauert, dass Sie infolge der Erreichung der Altersgrenze mitten aus dem Schaffen abberufen werden. Sie weiß, dass sie in Ihnen einen treuen und tüchtigen Mitarbeiter verliert." (36)

In der Wahlperiode 1953 bis 1957, in der in Hamburg der konservative Hamburg- Block regierte, wurde Karl Züge als CDU-Mitglied in die Schuldeputation geschickt. Und Hans Wenke, Schulsenator in dieser Zeit, gratulierte Züge mit den Worten: „Sie sind, lieber Herr Dr. Züge, stets ein Schulmeister aus Leidenschaft gewesen und haben auf ihrem langen Wege, ob vor der Klasse, als Schulleiter oder in der Behörde immer den Weg zu den Herzen der jungen Menschen gefunden und gespürt, was sie brauchten und was sie suchten." (37)

Eine beispiellose Rehabilitation.

Uwe Schmidt, völlig unverdächtig, ehemalige Funktionäre des Philologenvereins zu positiv zu bewerten, kam zu einer gänzlich anderen Einschätzung der Persönlichkeit und des Wirkens von Karl Züge. Er resümierte:

„Karl Züge erscheint uns 30 Jahre nach seinem Tode wie ein Wesen aus sehr weit zurückliegenden Zeiten. Es ist nicht ersichtlich und auch nicht sehr wahrscheinlich, dass er sich wie sein Vorgänger Theodor Mühe mit modernen pädagogischen und jugendpsychologischen Fragestellungen auseinandergesetzt hat, wohl aber scheint er eine Art ‚natürliches‘ Unterrichtsgeschick und Freude im Umgang mit Jugendlichen besessen zu haben. Sein durch personale Autorität geprägter schulischer Führungsstil entsprach offenkundig den Erwartungen und subjektiven Bedürfnissen der großen Mehrheit der von ihm Geführten. Nicht offensive Entscheidung – geleitet von Überzeugung und Bekenntnis – machte den preußischen Konservativen Karl Züge zum Nationalsozialisten. Er gehörte vielmehr zu ‚der überaus breiten Schicht der willfährigen, auf Ordnung und Funktionieren bedachten Durchführer,… die in wesentlichen Punkten mit dem Nationalsozialismus übereinstimmten, sich in anderen aber sorgfältig auf Distanz hielten. Wie Theodor Mühe, war auch Züge tief verstrickt in die Irrtümer und Irrweg e des Nationalsozialismus und ist vermutlich gar nicht auf den Gedanken gekommen, sich zu einer Zeit, als das möglich und er alt und reif genug dafür war, über seine eigene Vergangenheit Rechenschaft abzulegen."  (38)

Karl Züge starb am 7.8.1969.

Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1. Alle Angaben laut Personalakte, StA HH, 361-3_A 1180
2. Uwe Schmidt: Aktiv für das Gymnasium, Hamburg 1999, S. 207.
3. Personalakte Züge, a.a.O.
4. Siehe die Biografien Behne, Peyn und Zindler.
5. Uwe Storjohann im Gespräch mit mir am 13.9.2012 und in: Uwe Storjohann: „Hauptsache überleben“, Hamburg 1993, S. 55
6. 50 Jahre Bismarck-Schule 1906-1956, Hamburg, S. 22.
7. Entnazifizierungsakte Züge, StA HH, 221-11_Ed 1160
8. 50 Jahre Bismarck- Schule, a.a.O., S. 23
9. Uwe Schmidt: Hamburger Schulen im „Dritten Reich“, Hamburg 2010, S. 151.
10. 75 Jahre Bismarck-Gymnasium, Hamburg 1981, S. 19f.
11. Uwe Schmidt, 2010, S. 74 f.
12. Storjohann, a.a.O., S. 49 f.
13. StA HH, 362-2/26 Bismarck-Gymnasium_19 Band 5
14. Jahresbericht Hamburger Philologenverein 1932733, S.11. Zitiert nach Schmidt, 2010, S. 288
15. Siehe auch die Biografien Hans Rösch, Walter Behne und Theodor Mühe.
16. Uwe Schmidt, 2010, S. 165.
17. StA HH, OSB VI_2 F XIV d 17
18. Schreiben des 1. Vorsitzenden des Philologenvereins an die Landesschulbehörde vom 13.4.1933.
19. Siehe Biografie Ernst Hüttmann.
20. Alle Angaben laut Personalakte Züge, a.a.O.
21. Ebd.
22. Siehe die Biografien Hermann Saß und Wilhelm Oberdörffer.
23. Uwe Schmidt, 2010, S. 310.
24. Ebd., S. 674. Siehe auch die Biografie von Albert Henze.
25. Ebd., S. 581.
26. Personalakte Züge, a.a.O.
27. Uwe Schmidt, 1999, S. 92.
28. Personalakte Züge, a.a.O.
29. Alle Angaben laut Entnazifizierungsakte Züge, a.a.O.
30. Uwe Schmidt, 1999, S. 423.
31. Peter Meyer: Tagebuch (Chronik 1945/1946), StA HH, 731-1 Handschriftensammlung_Nr. 2912, S. 11
32. Entnazifizierungsakte Züge, a.a.O., Schreiben vom 19.1.1946
33. Alle Leumundszeugnisse ebd.
34. Ebd.
35. Personalakte Züge, a.a.O.
36. Ebd.
37. Ebd.
38. Uwe Schmidt, 1999, S. 312
 

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Datenbank online Die Dabeigewesenen

Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Februar 2019: 716 Kurzprofile und 276 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startet online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen, wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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