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Die braunen Lehrer des schwarzen Schülers

( Hinrich Wriede, Martin Duttge, Friedrich Grimmelshäuser )
Hans-Jürgen Massaquoi, 1926 als afrodeutscher Sohn in Hamburg geboren, hat 1999 seine Kindheits- und Jugenderinnerungen in der Autobiografie „Neger, Neger, Schornsteinfeger!" veröffentlicht. Wer waren die darin beschriebenen Lehrer Martin Duttge und Grimmelshäuser und der Schulleiter, Hinrich Wriede? Wie wurden sie zu braunen Rassisten und was ist aus ihnen nach 1945 geworden?

Hans-Peter de Lorent verfasste diesen Text für sein Buch "Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz" Bd. 1. Hamburg 2016, S. 676-700.:

Bei Hans-Jürgen Massaquoi’s Geburt war sein Großvater Generalkonsul von Liberia in Hamburg und erster Diplomat eines afrikanischen Landes in Deutschland. Hans’ Vater studierte in Dublin. Nachdem er zunächst in des Großvaters Diplomatenvilla gewohnt hatte, zog Hans-Jürgen Massaquoi mit seiner Mutter, der deutschen Krankenschwester Berta Baetz, nach Barmbek-Süd. Hier wurde er in die Schule Käthnerkamp 8 eingeschult.

In Barmbek lernte er Platt und Missingsch und sah sich mit Lehrern konfrontiert, die die Rassenideologie der Nationalsozialisten lebten, alle „Nichtarier“ als minderwertig behandelten und quälten. Zu ihnen gehörten der Schulleiter Hinrich Wriede, sein Stellvertreter, Martin Duttge, und Massaquois neuer Klassenlehrer, Friedrich Grimmelshäuser .

Hier sollen die beschriebenen Erlebnisse und Empfindungen des afrodeutschen Schülers und die Nazibiografien seiner Lehrer nachgezeichnet werden.

Hinrich Wriede
Hinrich Wriedes Nazikarriere begann mit seinem Eintritt in die NSDAP am 1.5.1933 (Mitgliedsnummer 3009967). Er wurde am 11. Juli 1933 Schulleiter der Volksschule Käthnerkamp 8 in Barmbek. Seinen ersten Aufritt vor der gesamten Schülerschaft und dem Kollegium schilderte Massaquoi so:

“Herr Wriede trat gegen Ende des zweiten Schuljahres in mein Leben, an dem Tag, als er unser neuer Schulleiter wurde. Um sich uns vorzustellen, ließ er alle Schüler und Lehrer auf dem Schulhof antreten, wo er in seiner braunen NS-Uniform in Schaftstiefeln und Breeches umher schritt wie ein General bei der Truppeninspektion. Erklärtes Ziel seines Auftritts war es, Lehrern und Schülern gleichermaßen klarzumachen, daß an der  Käthnerkampschule  ein neuer Wind wehte und daß fortan alles nach Wriedes Art und Weise zu laufen hatte – wenn wir wüssten, was er meinte. Natürlich wussten wir Kinder nicht, was er meinte, doch seinem Ton nach zu urteilen, ahnten wir, daß wir von ‚Wriedes Art und Weise‘ nicht sonderlich begeistert sein würden.

Während er vor uns auf und ab marschierte, entdeckte er mich inmitten der Jungen und fixierte mich mit einem hasserfüllten Blick, wie eine Schlange, die ihre Beute hypnotisiert.

‘Ich werde dafür sorgen, daß meine Schüler stolz darauf sind, deutsche Jungen in einem nationalsozialistischen Deutschland zu sein‘, verkündete er, ohne mich aus den Augen zu lassen.“ (1)

Hinrich Wriede, am 4.9.1882 in Finkenwerder geboren, war vor 1933 ein durchaus positiv aktiver und umtriebiger Mensch gewesen.  Wenig deutete damals auf seine spätere nationalsozialistische Schulleiterkarriere hin. In Finkenwerder (Westerschule) und später auf St. Pauli von 1887 bis 1898 zur Schule gegangen, hatte er danach die Lehrerbildungsanstalt in Hamburg besucht (von 1898 bis 1904). Am 16.5.1907 bestand er die Prüfung zur festen Anstellung als Lehrer. (2) Kurz zuvor, am 2.12.1906 hatte er mit seinem Vetter Johann Kinau (Künstlername: Gorch Fock) in der Kombüse des Kinauschen Fischkutters „HF 125" die Finkwarder Speeldeel gegründet. Hinrich Wrede schrieb selbst einige plattdeutsche Stücke, bekannt geworden ist sein viel aufgeführtes Lustspiel „Leege Lüd", 1914 im Quickbornverlag veröffentlicht. (3). Er fungierte auch als Spielleiter der Finkwarder Speeldeel, bis er 1930 Finkenwerder verließ und als Lehrer nach Hamburg ging.

In Finkenwerder hatte Wriede als Lehrer an der Westerschule gearbeitet, die er auch schon als Schüler besucht hatte. Die Westerschule war klein, fünf Lehrer, eine Lehrerin, mit Schulleitung in den Zeiten der Selbstverwaltung. Alle drei Jahre im rollierenden Verfahren fungierte einer der Lehrer als Schulleiter. Später rühmte sich Hinrich Wriede, schon in Weimarer Zeiten Schulleiter gewesen zu sein, gedacht als Beleg demokratischer Vergangenheit und Akzeptanz.

Parallel zum Eintritt in die NSDAP trat er auch dem Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) bei, wurde Gauredner für die NSDAP und den NSLB und darüber hinaus Mitglied verschiedener anderer nationalsozialistischer Organisationen.

Am 1.10.1937 ging er in die SA-Reserve, wo er Scharführer wurde.

Der Entnazifizierungsausschuss bezeichnete ihn später als „sehr betonten und primitiven Nationalsozialisten". (4)

Wriede widmete sich seit 1933 intensiv der Parteiarbeit. 1934 und 1937 wurde er zum Reichsparteitag in Nürnberg vom Dienst als Schulleiter beurlaubt, er absolvierte Lehrgänge bei der Gauführerschule (1935 und 1936), hielt Vorträge bei der Deutschen Arbeitsfront (DAF) als Gauschulungswalter. Er nahm an Tagungen der niederdeutschen Schriftsteller teil und arbeitete in Goebbels Reichsschrifttumskammer als Fachberater für Plattdeutsch.

1941 litt er an einem Herzmuskelschaden, am 16.4.1942 gratulierte Senatssyndikus Ernst Schrewe zum 40-jährigen Dienstjubiläum und überreichte im Namen des Führers das damals sogenannte Treue- und Ehrenzeichen.

Der kranke Wriede wurde mit Ablauf des 30.6.1942, knapp 60-jährig, pensioniert.

In seiner Schulleiterzeit bekam der schwarze Schüler Massaquoi die Abneigung des braunen Schulleiters Wriede immer wieder zu spüren. Zwei Szenen aus den Erinnerungen Hans-J. Massaquois sollen das veranschaulichen. Massaquoi beschrieb Wriede „als fanatischen Anhänger Hitlers, was er auch dadurch unterstrich, dass auch er ein allerdings rötlichblondes Hitlerbärtchen trug". (5)

Hans-J. Massaquoi schilderte eine Sportvertretungsstunde:

Zum erstenmal bekam ich Wriedes Abneigung deutlich zu spüren, als er für unseren erkrankten Sportlehrer einsprang. Er erklärte, er wolle diese Gelegenheit für eine Mutprobe nutzen, um die Feiglinge von den Jungen mit Courage zu trennen. Das allein machte mir noch nichts aus, da ich überzeugt war - und auch schon öfter bewiesen hatte -, dass ich mindestens  so viel  Mut besaß  wie jeder andere in meiner Klasse.

Wriede führte uns in die Turnhalle, wo wir aus verschiedenen Turngeräten - Barren, Seitpferde, Schwebebalken und so weiter - einen großen kreisförmigen Hindernislauf aufbauen mussten.

Die Hindernisse folgten in so großen Abständen aufeinander, dass man schon über ein gewisses Geschick verfügen müsste, um von einem Gerät zum anderen zu springen. Eine Lücke war so groß, dass  sie nur zu bewältigen war, indem man nach einem  dicken Seil hechtete, dass von der Decke hing, und sich dann wie Tarzan zum nächsten Hindernis schwang. Als zusätzliche Schwierigkeit postierte Wriede dort einen Jungen, der das Seil mit einer langen Stange ständig in Bewegung hielt.

Ich ging davon aus, dass ich den Hindernislauf ohne Probleme schaffen würde, und wartete zuversichtlich, bis ich an die Reihe kam. Als es soweit war, hatten die meisten Jungen den Lauf schon erfolgreich gemeistert, nur einige waren gescheitert und auf Wriedes Anordnung in die ‚Feiglinge-Ecke‘ verbannt worden. Die ersten Hindernisse nahm ich mühelos, doch als ich zu der großen Lücke kam, stand dort Wriede und hielt die lange Stange nun selbst in der Hand. Statt das Seil hin und her zu schwingen, hielt er es so, dass ich es unmöglich erreichen konnte. Ich wartete, dass er es wieder zu mir schwingen ließ, um danach zu springen, doch er rief nur: ‚Feigling! Du hast keinen Mut.‘ Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass er so unfair war, und wartete noch einen Augenblick ab, doch er wurde noch wütender und rief: ‚Aus dem Weg. Mach Platz  für jemanden, der Mut hat. Los, rüber zu den anderen Feiglingen.‘ Widerwillig gehorchte ich und trollte mich zu der kleinen Gruppe von Ausgeschiedenen. Ich fühlte mich wie geprügelt – obwohl mir eine Tracht Prügel weniger weh getan hätte, als zu Unrecht als Feigling gebrandmarkt zu werden." (6)

Als die Schule Käthnerkamp in eine Sonderschule umgewandelt wurde, mit der Konsequenz, alle bisherigen Schüler auf andere Schulen zu verteilen, wurden alle Schüler zum Abschied in den Zeichensaal geführt. In den Erinnerungen Massaquois fand diese Veranstaltung folgendermaßen statt:

“Der Höhepunkt war eine Abschiedsrede von Schulleiter Wriede. Wie üblich hatte er die Gelegenheit genutzt, seine über alles geliebte NS-Uniform anzuziehen, und als er hinter dem Rednerpult eine ähnliche Pose einnahm wie Hitler auf dem lebensgroßen Porträt an der Wand, konnten sich einige Jungen ein Kichern nicht verkneifen.

Sichtlich verärgert über die Störer, ließ Wriede uns wissen, dass die unbeschwerten Zeiten für uns bald  vorbei seien und dass wir in nicht allzu ferner Zukunft keine Jungen mehr sein würden, sondern Männer, die den jeweils für uns vorgesehenen Platz im wirtschaftlichen und politischen Leben Deutschlands einzunehmen hätten. Plötzlich schnappte seine Stimme über und nahm einen schrillen Falsettton an, was bei den Schülern grölendes Gelächter auslöste.

Die ganze Zeit über war ich nervös auf meinem Stuhl hin und her gerutscht. Zwar entging auch mir nicht, wie lächerlich diese stocksteife Figur dort auf dem Podium wirkte, doch ich hatte inzwischen gelernt, mich zu beherrschen und nicht mitzumachen, wenn meine Mitschüler ihrer Erheiterung hemmungslos Ausdruck verliehen. Mehr als einmal hatte Wriede mich für die Sünden der ganzen Klasse büßen lassen. Obwohl es mein letzter Tag an der Käthnerkampschule war, hielt ich es für klüger, auf Nummer Sicher zu gehen, solange ich noch Wriedes Gerichtsbarkeit unterstand, um dem bösartigen Schulleiter keinen Vorwand für irgendwelche Strafaktionen zu bieten.

Er erzählte seinen jungen Zuhörern, dass ihnen eine beneidenswerte Zukunft bevorstehe und dass sie in einigen Jahren alt genug seien, in der besten Armee zu dienen, die die Welt je gesehen habe.

Die deutsche Wehrmacht biete jungen Männern, die dem Ideal des Führers entsprächen, unbegrenzte Möglichkeiten, sagte er und fügte hinzu: ‚Ich weiß, dass ich mich, solltet ihr einmal dazu auserkoren werden, für euren Führer und euer Vaterland zu kämpfen, darauf verlassen kann, dass ihr euer Bestes geben werdet.‘

Dann fixierte er mich mit einem vernichtenden Blick und sagte: ‚So mancher wird sich jedoch nicht die Ehre verdienen, die Uniform eines deutschen Soldaten zu tragen.  Denen kann ich nur einen Rat geben: Verschwindet aus Deutschland, solange ihr noch könnt, denn das zukünftige Deutschland wird ein Deutschland von Soldaten und nicht von Feiglingen und Drückebergern sein. Der Führer wird dafür sorgen, dass Deutschland nie wieder zu einer Zufluchtsstätte für verräterisches nichtarisches Gesindel wie Juden, Neger und andere Außenseiter wird. Adolf Hitler lässt nicht zu, dass sie das edle deutsche Blut schänden und das deutsche Volk um den Lohn seiner schwer errungenen Siege betrügen.‘

Bei dem Wort „Neger“ versuchte ich vergeblich, mich hinter dem Rücken eines kleineren Klassenkameraden zu verstecken. Wie auf Kommando hatten alle in der Aula den Kopf nach mir umgedreht, um sich den Jungen genauer anzusehen, den der Schulleiter soeben als Feind des deutschen Volkes gebrandmarkt hatte. Mein Herz klopfte so laut, dass ich fürchtete, es wäre im ganzen Saal zu hören. Mir zitterten die Knie, und ich war in Schweiß gebadet. Ich wünschte, der Boden würde sich öffnen und mich verschlucken, damit ich nicht länger den demütigenden Blicken meiner Mitschüler ausgesetzt war.  Doch der Boden verschluckte mich nicht, und ich musste die Blicke aushalten. Wie schon so oft hatte Wriede mich in seinem Ärger über das Gelächter der Schüler zum Sündenbock gemacht.

Unterdessen beschwor er weiter die Segnungen einer militärischen Laufbahn. ‚Einige von euch werden irgendwann auf dem Felde der Ehre fallen und damit zu den ehrenvollsten Männern  im deutschen Staate überhaupt zählen, zu denen, die von der Vorsehung als würdig erachtet wurden, ihr Leben für unseren geliebten Führer und die Zukunft unseres geliebten Vaterlandes hinzugeben. Mit diesen Gefühlen im Herzen sage ich euch Lebewohl. Lang lebe unser Führer! Lang lebe Deutschland!‘

So sehr Wriede als Nationalsozialist und in seiner rassistischen Haltung als Schulleiter gegenüber Hans J. Massaquoi Schuld auf sich geladen hat, in den Jahren zuvor, insbesondere für die Pflege der niederdeutschen Sprache, hatte er durchaus etwas geleistet. Als Spielleiter der Finkwarder Speeldeel und als plattdeutscher Autor war Hinrich Wrede nicht ohne Erfolg. 1920 bemühte er sich, bei der Gewerbepolizei in Hamburg eine Theaterlizenz für die Aufführungen der Speeldeel zu erwerben. Er bekam anerkennende Unterstützung, so etwa vom Dramatiker Alexander Zinn, der ihm „künstlerische Leistungen und eine menschliche und dichterische Persönlichkeit" bescheinigte. (7) Auch der Dramaturg und Regisseur des Altonaer Theaters lobte Wriede und attestierte ihm die Fähigkeit, „ein heimisches Spiel sehr wirkungsvoll einstudieren" zu können. Richard Ohnsorg unterstützte Wriede und der Schutzverband deutscher Schriftsteller bezeichnete die Speeldeel als „eine im kulturellen Sinne außerordentlich begrüßenswerte Pionierarbeit“.

Nur der Deutsche Bühnenverein polemisierte gegen die gewünschte Spielerlaubnis eines „reinen Dilettantenunternehmens". (8)

Wriede war noch anderweitig schriftstellerisch aktiv. 1927 gab er mit dem Herausgeber der Zeitschrift „Volk und Rasse", Walter Scheidt, ein Buch heraus: „Die Elbinsel Finkenwärder" (9) Während Wriede eine durchaus lesenswerte Untersuchung über Finkenwärder (damalige Schreibweise) und seine Bevölkerung zusammentrug und kulturelle Eigenheiten und sprachliche Besonderheiten beschrieb, profilierte sich Walter Scheidt mit einer „rassenkundlichen und volkstumskundlichen Erhebung“. Es überrascht kaum, dass Scheidt dann 1933 zum ersten Direktor des neu gegründeten Lehrstuhls für Rassenbiologie an der Hamburger Universität ernannt wurde. Am 11.11.1933 gehörte Walter Scheidt zu den Unterzeichnern des „Bekenntnisses der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und den nationalsozialistischen Staat“. (10)

Nachdem Wriede Finkenwerder verlassen hatte, um in Hamburg als Lehrer zu arbeiten und nach Volksdorf zog, wo er seit 1920 ein Grundstück besaß, blieb er als Leiter der niederdeutschen Vereinigung Quickborn weiter aktiv für die „niederdeutsche Sprache“.

Wo fanden in seiner Biografie die Brüche statt?

Schwarz-Weiß-Malerei wäre fehl am Platz. Aber auffällig ist die Nähe vieler Aktivisten der plattdeutschen Sprache und der niederdeutschen Bühne zu den Nationalsozialisten. Da ist Hinrich Wriede kein Einzelfall. So war der Hamburger Schulleiter und Schriftsteller Bruno Peyn, NSDAP- und SA-Mitglied, Leiter der Fachgruppe Niederdeutsch in der Hamburger Landesleitung der Reichsschrifttumskammer. Zur Arbeitstagung dieser Fachgruppe im Gau Hamburg erschienen als Teilnehmer am 24.- 27.8.1935 neben Hinrich Wriede auch Rudolf Kinau und Hermann Claudius. (11) Enge Beziehungen gab es zum Intendanten der Niederdeutschen Bühne, Richard Ohnsorg, ehemaliger Burschenschaftler. Johannes Saß, Hamburger Schulleiter und NSDAP- Propagandaredner war Gaukulturwart für niederdeutsche Sprachpflege und plattdeutsche Rechtschreibung, nach 1945 launiger Moderator und Rezitator auf niederdeutschen Dichtertagungen.

Ein Schlüssel für Wriedes Entwicklung lag sicherlich in seinen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg. Das hatte er mit vielen anderen nationalsozialistischen Aktivisten im Bildungsbereich gemeinsam. Heimat, nationaler Stolz, Feindorientierung als Offizier  (Leutnant) im Krieg, gekränkter Stolz und Depression nach dem verlorenen Weltkrieg.

Wie schmal der Grat war, wie leicht der Fall auf die falsche Seite sein konnte, wenn Heimat, Volk und Vaterland, in Abgrenzung, Chauvinismus und Nationalismus umgedeutet wurden, zeigten die Erinnerungen Wriedes an seinen Jugendfreund Johann Kinau. (12)

Johann Kinau, Künstlername Gorch Fock, Schriftsteller, Jugendfreund und Nachbar von Hinrich Wriede, war 1916 in der Seeschlacht im Skagerrak zu Tode gekommen, genauer: ertrunken. Wriede hat in dem Gedenkbuch 1937 seine Erinnerungen an Gorch Fock beschrieben. Zum selben Zeitpunkt also, als der Schulleiter Wriede  den Schüler Hans-J. Massaquoi quälte. Wriede stilisierte Gorch Fock zwanzig Jahre nach dessen Tod „als Held des 1. Weltkrieges“, zum „Wegbereiter des Nationalsozialismus“ (13). Richtig ist, dass Gorch Fock mit seinem 1913 erschienenen Roman „Seefahrt tut not“ berühmt wurde und offenbar den damaligen Zeitgeist traf:

„Heldentum war ganz groß in Mode, mit ungebremstem Hurra- Patriotismus taumelte Deutschland unter Führung des Kaiser Wilhelm II. in den Ersten Weltkrieg.“ (14)

Der Wriede-Text gibt aber aus meiner Sicht die Verblendung des Autoren wieder, wenn er Gorch Fock fast 25 Jahre später eher propagandistisch instrumentalisiert als ihm gerecht zu werden. Seine Argumentation baute sich folgendermaßen auf: „Immer wieder bestimmte zuletzt doch der Kampfes- und Lebenswille seines nordischen Blutes seine Haltung und stets gelang es ihm, Furcht, Kleinmut und Träumerei zu überwinden, ja selbst sein dichterisches Werk hintanzusetzen, wenn es galt, einen Kampf zu führen.“ (15)

Wriede deutete alles nachträglich im NS-Sinne um. Was er mit Kinau 1900 erlebt hatte, wurde 1937 der nationalsozialistischen Ideologie eingepasst: „Alles Große, Heldische, Kämpferische wuchs aus ihm hervor aus einer gewaltigen seelischen und geistigen Spannung, die als rassische und persönliche Anlage von seinen Vorfahren her in ihm wirksam war. Alles, was er sah, erlebte, wünschte und wollte, das sah, erlebte und tat er mit solcher Urgewalt und Kraft, daß er alles Kleine und Alltägliche hinwegschwemmte.“(16)

Johann Kinau wurde beschrieben als ein relativ kleiner Junge, der immer wieder bemüht war, seine Furcht zu überwinden. Bei Wriede hieß es: „Und doch, hätte sich Gorch Fock nicht zu dieser Haltung der Furchtlosigkeit durchgerungen, er wäre nicht das geworden, als was wir ihn heute am höchsten schätzen: Ein Vorreiter zum völkischen Leben und Handeln.“ (17)

Sicherlich kann der 1916 in der Seeschlacht im Skagerrak ertrunkene Johann Kinau nicht für Wriedes Aussage in Vorbereitung des nächsten kriegerischen Wahnsinns vereinnahmt werden: „Wieviel deutsches Blut ist dahingeflossen, ohne Deutschland zu nützen! Denn von Urzeiten her liegt es in unserem Blute, kämpfend und sterbend die Welt zu erobern, gleichgültig, ob für uns selbst oder für andere. Heute aber wissen wir, daß Kampf und Heldentum erst dann ihren letzten und tieferen Sinn erhalten, wenn sie eingesetzt werden für Leben, Freiheit und Ehre von Volk und Vaterland.“ (18)

Wobei Kinau in Briefen an Wriede 1914 Aussagen machte, die Wriede 1937 im Sinne der Nationalsozialisten nutzte. Kinau schrieb 1914 an Wriede: „Eine ungeheure Wetterwolke hängt über Deutschland. Aber wir sind die Enkel der Nibelungen“ und: „Möchte unser Glaube an Deutschlands Sieg nicht zuschanden werden. Nein, er kann es nicht, uns bleibt keine andere Wahl, als zu siegen.“ (19)

Am Ende zeigte sich, wie Hinrich Wriede als erprobter Gauredner der NSDAP seinen Schul- und Jugendfreund Johann Kinau/Gorch Fock zum Kronzeugen Adolf Hitlers machte, wie Heimatliebe und nationaler Stolz missbraucht wurden: „Denn gerade, weil bei ihm Wort und Tat zur Einheit verschmolzen sind, weil er unter seine Worte über Volk und Vaterland das Siegel mit seinem Herzblut gesetzt hat, haben sich in ihm früh alle Deutschen zusammengefunden, die ihr Volk und Vaterland über alles lieben. So ist er Wegbereiter des Nationalsozialismus geworden; denn sein Leben und sein Tod sind Beispiel und Mahnmal zugleich, die uns Nachfahren das Wort zurufen: ‚Für Deutschland!‘ “(20)

Krankheitsbedingt wurde Hinrich Wriede am 30.6.1942 pensioniert. Schon im Jahr zuvor war er an einem Herzmuskelschadens behandelt und zur Kur geschickz. (21)

Im Entnazifizierungsverfahren musste er auch als Pensionär den Fragebogen ausfüllen. NSDAP-Mitgliedschaft, SA-Tätigkeit, Reichskulturkammeraktivität mussten aufgeführt werden. Wriede vermerkte, von 1928 bis Februar 1930 Mitglied der SPD gewesen zu sein. Seine schriftstellerische Tätigkeit nannte er „unpolitisch“. Und: „Ungefähr 40 Jahre stehe ich in der Volkstumsarbeit.“ Wie fasste der Beratende Ausschuss für die Entnazifizierung sein Urteil zusammen: „Wriede war ein sehr betonter und primitiver Nationalsozialist.“(22)

Als Hinrich Wriede am 2.5.1958 starb, veröffentlichte das „Hamburger Abendblatt“ einen Nachruf: „Das Plattdeutsche ist wieder um einen seiner echten und bewährten Heimatdichter ärmer geworden. Weiterleben wird er fraglos mit einigen Bühnenstücken, die ihm besonders am Herzen lagen.“ (23)

Der Entnazifizierungs-Fachausschuss setzte am 15.11.1948 Wriedes Versorgungsbezüge herab auf die eines Volksschullehrers. 1953 wurde diese Beschränkung aufgehoben, Wriede erhielt die volle Pension eines Schulleiters.

In Bremen ist die Hinrich-Wriede-Straße nach ihm benannt worden. (24)

Friedrich Grimmelshäuser
Hans Massaquois Lehrerin während der ersten beiden Schuljahre, die ihn freundlich und fair behandelt hatte, wurde an eine andere Schule versetzt und der Klasse mitgeteilt, „dass ein anderer Lehrer, Herr Grimm elshauser (Massaquoi schreibt den Namen in seiner Autobiografie ohne Umlaut), ihren Platz einnehmen würde.  

Es verging kein Tag, an dem nicht irgendwelche abfälligen Kommentare über die Juden gemacht wurden. ‚Wenn die Juden nicht gewesen wären‘, beteuerte Herr Grimmelshauser , ‚hätte Deutschland den Krieg gewonnen.‘   

Herr Grimmelshauser,  ein großer, schlaksiger Mann mit dunklem, welligem Haar und schwarzer Hornbrille, erklärte uns den Begriff  ‚Dolchstoß‘, demzufolge die Juden mit ihren Lügengeschichten über deutsche Niederlagen die Zivilbevölkerung schließlich zu der Überzeugung gebracht  hätten, dass jede weitere Kriegsanstrengung vergeblich wäre.

Herr Grimmelshauser las uns mit Begeisterung Artikel aus dem Stürmer, dem Völkischen Beobachter und dem Angriff vor, drei Naziblättern, die von judenfeindlicher Hetze nur so trieften. Doch damit nicht genug. Eines Tages verkündete er, dass wir uns einen Film ansehen würden, der uns einen sehr viel genaueren Eindruck  davon vermitteln könnte, wie die Juden tatsächlich seien. Das filmische Machwerk stellte Juden als verschlagene, wild gestikulierende, moralisch und körperlich unsaubere

Wesen dar. Doch dieser Film war noch eine gemäßigte Version des sogenannten  ‚Dokumentarfilms‘ Der ewige Jude, der zu Beginn der vierziger Jahre in die Kinos kam und als einer der perfidesten antisemitischen Propagandafilme gilt. Er zeigte angeblich Juden in überfüllten Ghettos, wie sie verstohlen dahineilen, um ihren unsauberen Geschäften nachzugehen. Als nächstes schwenkte die Kamera auf abstoßend aussehende Ratten, die ‚verstohlen dahineilen‘, um Abfälle und Aas zu suchen. Damit auch ja niemandem die Parallelsetzung von Juden und Ratten entging, erklärte ein Sprecher, dass Juden ebenso wie Ratten Ungeziefer seien, dass sie Krankheiten und Seuchen verbreiten und daher aus der Gesellschaft getilgt werden müssten.

Solche Filme hinterließen einen tiefen Eindruck bei uns Kindern. Noch Wochen später schauderte uns bei dem Gedanken, körperlichen Kontakt mit Juden zu haben. Das erklärte Ziel der Juden, so machte man uns glauben, war die totale Vernichtung des edlen Volkes und seiner edlen Kultur.

‚Warum verhaftet die Polizei sie nicht einfach und steckt sie ins Gefängnis?‘  fragte ein Klassenkamerad, nachdem Herr Grimmelshauser wieder mal eine antijüdische Rede vom Stapel gelassen hatte.

‚Nur Geduld, mein Junge‘, meinte unser Lehrer zu dem empörten Kind. ‚Ich bin sicher, dass der Führer zur passenden Zeit schon eine Lösung finden wird.‘ Weder ich noch Herr Grimmelshauser, glaube ich, ahnten damals, wie nah er damit der schrecklichen Wahrheit kam.“ (25)

Friedrich Grimmelshäuser, am 13.4.1887 in Hamburg geboren, besuchte die Volksschule bis 1901, danach das Lehrerseminar in Hamburg, arbeitete nach der Lehrerprüfung, 1908, in Hamburg, von 1908 bis 1939 am Käthnerkamp 8.

Grimmelshäuser war seit dem 1.5.1933 NSDAP-Mitglied und stieg im Laufe der Jahre innerhalb der Partei kontinuierlich auf. Von 1933 bis1936 politischer Zellenleiter, von 1936 bis 1944 erst Ortsgruppenorganisationsleiter, dann Propagandaleiter, ab dem 1.10.1944 sogar Vertreter des Ortsgruppenleiters im Ortsamt. (26)

Am 31.8.1945 war er aus dem Schuldienst entlassen, drei Tage zuvor von der Kripo verhaftet worden, und, wie viele andere Nationalsozialisten in politischen Funktionen, bis zum 18.1.1946 im Civilian Internment Camp in Neumünster inhaftiert worden.

Der Beratende Ausschuss bezeichnete ihn im Entnazifizierungsverfahren als einen der „aktivsten und unsympathischsten führenden Parteigenossen in Volksdorf“. (27)

Zur Begründung wurde angeführt: „Er machte den Eindruck eines beschränkten und sturen Menschen. Es ist erschütternd zu denken, dass solche Menschen Macht über andere Menschen ausgeübt haben.“ (28)

Und der neue Schulrat Hans Brunckhorst stellte fest, dass Grimmelshäuser „in Volksdorf als eifriger Nationalsozialist bekannt war, dem man gern aus dem Weg ging.“ (29)  Vom Beratenden Ausschuss darauf angesprochen erklärte Grimm elshäuser: „Die Leute hatten eben Angst vor der Partei.“ (30)

Diesem Menschen war der 7-jährige Hans Massaquoi als Klassenlehrer ausgeliefert.

Als Leumundszeugen für Grimmelshäuser traten nach 1945 Nachbarn ein, die ihn als hilfsbereit bezeichneten. Einer, Erich Sasse, fügte dabei hinzu: „Es ist mir wohl aufgefallen, dass Herr G. sich nicht besonderer Beliebtheit erfreute, aber ich schreibe das seinem Charakter (kurz angebunden ) zu.“ (31)

Zum Charakter Grimmelshäusers gehörte es auch, wie er sich nach 1945 verteidigte. Mit einem Drittel seines Lehrergehaltes in den Ruhestand versetzt, als Bauhilfsarbeiter mit Trümmerräumen beschäftigt, beklagte er, dass vergleichbare NS-Funktionäre bei der Entnazifizierung besser weggekommen seien. Detailliert listete er diese mit ihrer jeweiligen NS-Funktion auf. Der für ihn zuständige Berufungsausschuss stellt dazu am 25.6.1948 nüchtern fest:

„Wenn, wie Grimmelshäuser behauptet, andere stärker Belastete günstiger abgeschnitten haben, so kann dieser Ausschuss das nur bedauern, aber nicht ändern.“ (32)

Zu den Unsäglichkeiten in den Entnazifizierungsverfahren gehörte es, dass NS- Belastete sich gegenseitig Persilscheine ausstellen. So attestierte der für den Bezirk Wandsbek zuständige NS-Schulrat und NSDAP-Ortsgruppenleiter Hugo Millahn, dass keinerlei Beschwerden von Schulleitern in Volksdorf gegen Grimmelshäuser vorgelegen hätten und dass Grimmelshäuser keinen überragenden Einfluss in der NSDAP- Ortsgruppe gehabt hätte. Selbst Hinrich Wriede bescheinigte am 7.4.1947, „dass G. pünktlich seinen Dienst versah, bei Schülern und Eltern gleichermaßen beliebt war und seine Klassen gut abschnitten.“ (33)

Da war die Meinung von Hans-J. Massaquoi und seiner Mutter nicht gefragt gewesen.

Martin Duttge
„Es ist schwer zu sagen, wer von den zwei bigottesten und fanatischsten meiner Lehrer der schlimmere war, Herr Wriede oder Dutke (*von Massaqoui so geschrieben)mit seiner Hornbrille. Letzterer trug stets stolz seine NS-Uniform zur Schau, wenn er seinen Volkskundeunterricht gab, den er meist nutzte, um seiner Feindseligkeit gegenüber Nicht-Ariern Luft zu machen. ‚Lass dieses negerhafte Grinsen‘, fauchte er mich einmal an, als ich mit der ganzen Klasse über irgendetwas lachen musste. ‚Neger haben im nationalistischen Deutschland keinen Grund zu grinsen.‘ Um diese Haltung zu untermauern, holte er häufig Schüler nach vorn, die er für typisch arisch hielt. Sie mussten sich vor der Klasse aufstellen, und Dutke wies dann auf ihr blondes Haar, die blauen Augen, den ‚edel geformten Schädel‘ und andere ‚wünschenswerte‘ körperliche Merkmale hin.

Als ein Schüler einmal Dutkes Behauptung, dass Menschen ‚nichtarischen Blutes‘ intellektuell und körperlich minderwertig seien, mit dem Hinweis auf meine schulischen und sportlichen Fähigkeiten in Frage stellte, kanzelte Dutke diesen Schüler ab, weil er es gewagt hatte, ihm zu widersprechen. Dann erklärte er der Klasse, dass ich nur die Ausnahme sei, die die Regel bestätigte, und behauptete, dass  ich sämtliche ‚normalen Merkmale‘ von meinem arischen Elternteil geerbt habe. Schließlich spekulierte er, dass das letzte Wort ja noch nicht gesprochen sei und die Möglichkeit bestehe, dass mein minderwertiges Blut irgendwie doch noch die Oberhand gewinnen könnte. ‚Es gibt viele Arten der rassischen Minderwertigkeit‘, argumentierte er. ‚Ich würde mich nicht wundern, wenn euer Klassenkamerad eines Tages zum asozialen Subjekt wird, beispielsweise ein Krimineller oder Alkoholiker.‘

Anschließend wies Dutke mich an, nach dem Ende der Stunde den Raum nicht zu verlassen. ‚Was ich dir zu sagen habe, dauert nicht lange‘, knurrte er, nachdem alle anderen Schüler fort waren. Er musterte mich verächtlich durch seine dicke Hornbrille und warf mir vor, die Klasse gegen ihn aufbringen zu wollen und ihm gegenüber mit meinem dauernden ‚negerhaften Grinsen‘ ein respektloses Verhalten an den Tag zu legen. ‚Eins kann ich dir sagen, junger Mann. Dir wird das Lachen noch vergehen. Wenn wir mit den Juden fertig sind, bis du und deinesgleichen nämlich als nächstes dran. Heil Hitler.” (34)

Auch der dritte braune Quälgeist des Hans J. Massaquoi war ein besonders unangenehmer Zeitgenosse. Martin Duttge, am 18.4.1903 in Makersdorf, Kreis Görlitz geboren, war über das Lehrerseminar in Fraustadt in den Beruf gekommen, hatte die ersten Jahre an einer privaten Mädchenschule gearbeitet, kam 1929 als Hilfslehrer an den Käthnerkamp und wurde am 1.4.1930 fest angestellt. Am Käthnerkamp avancierte er zum stellvertretenden Schulleiter, nachdem auch er am 1.5.1933 in die NSDAP eingetreten war und als Ortsgruppenamtsleiter im NSLB fungierte. Seine Personalakten durchziehen drei Motivationsstränge: Die materielle Not der Lehrer in den Jahren der Weimarer Republik traf auch Martin Duttge, der drei Kinder zu ernähren hat und dessen Frau drei weitere Kinder bei der Geburt oder kurz danach verliert. Duttge und seine Familie haben viele Krankheitsfälle auch finanziell zu bewältigen. Und er versucht auch deswegen und mit magerem Erfolg, Karriere zu machen. Über die Partei, über Lehrgänge an der Parteiführerschule. (35) Dabei schreckte er nicht vor üblen Denunziationen zurück. Am 18.7.1933 schickte er ein siebenseitiges Denunziationsschreiben an die Parteileitung der NSDAP über die Ortsgruppe Barmbek- Nord. Namentlich wurde die Hälfte des Kollegiums Käthnerkamp verleumdet, einerseits des Opportunismus bezichtigt (Anbiederung an NSDAP und NSLB), andererseits des Marxismus beschuldigt. So der Kollege Karl Neumann, der sich als Schulleiter beworben hatte und dem Duttge eine marxistische Einstellung unterstellte. Wobei Neumann laut seiner Personalakte selbst am 1.5.1933 in die NSDAP eingetreten und Ortsgruppenamtswalter des NSLB seit dem selben Tag war, Hitler später auf mehreren Parteitagen in Nürnberg zujubelte und am 11.7.1933 Schulleiter an der Schule Von- Essen-Straße 124 wurde. (36) Möglicherweise zuviel für den weniger erfolgreichen Duttge.

Duttge benannte als verlässliche NSDAP-Mitglieder in seinem wirren Schreiben lediglich sich und Grimm elshäuser.

Auch seine Verteidigungsschrift nach dem frühen Ende des „Tausendjährigen Reiches“ glich einem Konglomerat von langatmigen Schutzbehauptungen und denunziatorischen Verdrehungen. Es begann mit der Aussage: „Mein Eintritt in die Partei erfolgte lediglich aus Sicherheitsgründen zur Abwehr politischer Intrigen und hatte nichts mit einer etwaigen Billigung oder beabsichtigten Förderung des Nationalsozialismus zu tun.“ Als Zeugen dafür benannte er u.a. seinen Kumpanen Grimmelshäuser. Duttge gerierte sich mit seinen Schriftsätzen im August 1946 nahezu als Widerstandskämpfer. Rührig erwies er sich dabei, Leumundszeugnisse von Nachbarn und Bekannten herbeizubringen. (37)

Interessant und bezeichnend für die Person des Martin Duttge ist der Bericht, den einmal mehr Schulrat Gustav Schmidt über ihn am 21.8.1946 schreibt. Schmidt war zuständiger Schulrat für den Käthnerkamp in den 1930er Jahren gewesen und wurde 1942 aus der Behörde entfernt, weil er sich weigerte, in die NSDAP einzutreten.

Schmidt über Duttge: „Duttge ist ein Mann ohne feste Haltung. Er wendet sich dorthin, wo er meint, seinen Vorteil zu finden. Die Schulverwaltung hat dafür ganz üble Beispiele erfahren.“ Er nannte dabei die „üble Denunziation“, die Duttge einreichte und in der er über sich schrieb: „Sei es bei nationalen Feiern, Beflaggen oder irgendeine würdige Raumausstattung, sie kümmern sich um nichts, überliessen diese Angelegenheit meiner Klasse und mir und Pg. Pauls.“ Gustav Schmidt: „Herr Duttge stellte sich hier also ganz offen als ein eifriger und guter Verfechter des Nationalsozialismus selbst hin. Duttge hat im Lehrerbund das Amt eines Ortsgruppenleiters bekleidet, zu solchen Ämtern (wurden) stets nur zuverlässige Parteigenossen genommen. Duttge hat auch eine politische Funktion ausgeübt, denn er hat über andere Kollegen Berichte über deren politische Haltung abgefasst.“ (38)

Auch die zahlreichen Dokumente aus der Zeit, in der Duttge sich mit seinen Klassen in Lagern der Kinderlandverschickung (KLV) in Bayreuth und Böhmen aufhielt, werfen kein günstiges Licht auf ihn.

Duttge, der in Barmbek im Haus Rübenkamp 82 ausgebombt war, nahm gegen ausdrückliche Anweisung Frau und Kinder mit in die KLV- Lager, was aus der Not vielleicht nachvollziehbar ist. Der Hamburger Beauftragte für die Kinderlandverschickung, Heinrich Sahrhage stellte fest, „dass der Lagerleiter Duttge bei den Bewirtschaftern erhebliche Schwierigkeiten mache, und dass insbesondere Frau Duttge die eigentliche Triebfeder sei. Es gäbe Zank und Streit mit fast allen Menschen, mit denen Pg. Duttge in der KLV zu tun habe.“ (39)

In seiner Beurteilung über Martin Duttge kam der NSLB-Schulbeauftragte für die KLV, Erwin Zindler, am 27.12.1943 zu folgender Beurteilung: „Duttge tritt mit äußerster Anmaßung mit angeblich unerschütterbarem Recht auf. In Wort und Ton kennt er keine Rücksichten, so dass ihm nicht gewachsene Verhandlungsgegner schnell unterlegen sind. Dieser Mangel an Erziehung, den ihm Pg. Zindler hart und eindeutig vorhielt, verbunden mit sehr selbstgerechter Abstreitung, Erinnerung und  Auslegung von Tatbeständen, lässt Duttges Charakter als nicht unbedenklich erscheinen. Für den Dienst in der KJLV ist er bei aller Anerkennung seiner Eignung als Lehrer nicht mehr verwendbar. Der Schulverwaltung stelle ich anheim, auch ihrerseits Duttges Verhalten zu rügen.“ (40)

Wieder zurück in Hamburg meldete sich Duttge seit dem 31.8.1944 wegen leichten Rheumatismus dienstunfähig. Seine Dienstunfähigkeit erstreckte sich bis zum März 1945, dann wurde er im Ortsamt Uhlenhorst beschäftigt, machte vier Monate Militärdienst als Grenadier- und wurde dann auf Anordnung der Britischen Militärregierung aus dem Beamtenverhältnis entlassen. (41)

Aber Duttge lavierte mit seinen vielen „Vernebelungsschreiben“ (Gustav Schmidt) durch die Entnazifizierung, wurde 1949 wieder ein Jahr als Angestellter in den Schuldienst übernommen, ab dem 5.4.1950 war er wieder Beamter und arbeitete ab 1952 an der Jahnschule.

Aktiv blieb Duttge vorwiegend in Richtung Schulbehörde, Anträge auf Pflichtstundenermäßigung, 50 Prozent Schwerbehinderung wegen eines Hörschadens, Vorschüsse. Duttge blühte erst wieder auf, als er am 24.1.1966 an die Sonderschule Bokelkamp versetzt wurde. Dort war der ehemalige NSDAP-Schulleiter Claus Hartlef jetzt Schulleiter. Der bestätigte Duttge, „gesundheitlich und leistungsmäßig erfüllt er restlos seine Aufgabe.“ Dort blieb Duttge, Krankheiten waren Vergangenheit, aktiv über das 65. Lebensjahr hinaus. Erst am 31.3.1969 wurde er pensioniert. (42)

Duttge starb am 18.2.1986.

Nachwort
Hans J. Massaquoi hat seine Peiniger überlebt, folgerichtig Deutschland verlassen und lebte in Detroit. Er hat nie wieder etwas von seinen Lehrern gehört, kannte deren Geschichte nicht. Es gab nur eine weiße Taube in seiner Schulgeschichte:

„Vermutlich eines der ersten Opfer dieser ‚Säuberung‘  war unsere gütige Klassenlehrerin Fräulein Beyle. Am Ende des zweiten Schuljahres teilte man uns lediglich mit, dass sie an eine andere Schule versetzt worden sei und ein anderer Lehrer, Herr Grimmelshauser, ihren Platz einnehmen würde. Ich habe nie wieder von ihr gehört und weiß nicht, ob man ihr erlaubte, ihre Lehrerkarriere woanders fortzusetzen.“ (42)

Margarethe Beyle wurde an die kleine Schule Wittenkamp im selben Schulkreis versetzt. Über sie gibt es im Staatsarchiv keine Personal- und keine Entnazifizierungsakte. Sie war unspektakulär, einfach nur menschlich und Pädagogin. Im Streit um die Schulleitung am Käthnerkamp im Frühjahr 1933 war sie auf Seiten des Kandidaten Karl Neumann, der gegen Friedrich Gosau antrat. Nationalsozialisten standen sich auf beiden Seiten des Kollegiums gegenüber. Margarethe Beyle hatte sich vermutlich für die Gruppe der jungen Lehrer entschieden und keine politischen Maßstäbe angelegt, gehörte somit zu den Gegnern von Duttge und Grimmelshäuser. Sie arbeitete weiter pädagogisch bis zu ihrer Pensionierung an der Schule Steilshooper Straße 338, bis sie am 1.4.1957, 60 -jährig, in den Ruhestand trat. (44)

Ich habe Hans-Jürgen Massaquoi die Geschichte seiner Lehrer zugesandt.

Hans-Jürgen Massaquoi starb an seinem 87. Geburtstag, am 19.1.2013 in Jacksonville, Florida. (45)

Anmerkungen:
1. Hans J. Massaquoi: „Neger, Neger, Schornsteinfeger!“, Meine Kindheit in Deutschland, München 1999, S, 77.
2. Alle Angaben, wenn nicht anders verzeichnet, aus Wriedes Personalakte,
StA HH, 361-3_A 919
3. Siehe: Die plattdeutschen Autoren und ihre Werke in: www.ins-db.de
4. Wriedes Entnazifizierungsakte, StA HH, 221- 11_Z 8962
5. Massaquoi, a.a.O., S.77.
6. Auch die weiteren Zitate ebd.
7. Alle Äußerungen aus: StA HH, Gewerbepolizei, 376-2 , Spz. IX A21
8. Im Dezember 1920, ebd.
9. Die Elbinsel Finkenwärder, hrsg. von Walter Scheidt und Hinrich Wriede, München 1927.
10. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, Frankfurt am Main 2012, S. 529.
11. Siehe Biografie Bruno Peyn in diesem Buch.
12. In: Gorch Fock und seine Heimat, von Deich und Dünung, hrsg. von Walter Schnoor, Franke Verlag Berlin 1937, S. 181.
13. Gorch Fock und seine Heimat, a.a.O., S. 201.
14. Dierk Strothmann: Gorch Fock- ein Mann macht Finkenwerder unsterblich, in „Hamburger Abendblatt“ vom 22.8.2005.
15. Massaquoi, a.a.O, S. 181f.
16. Massaquoi, a.a.O, S. 184.
17. Massaquoi, a.a.O, S. 196f.
18. Ebd.
19. Massaquoi, a.a.O, S. 197.
20. Massaquoi, a.a.O, S. 198f.
21. Personlakte Wriede, a.a.O.
22. Entnazifizierungsakte Wriede, a.a.O.
23. Hamburger Abendblatt v. 6.5.1958
24. Massaquoi a.a.O., S. 126 f.
25. Massaquoi a.a.O., S. 64f.
26. Entnazifizierungsakte Grimm elshäuser, StA HH, 221-11_Ed. 1024
27. Am 22.12.1947, ebd.
28. Ebd.
29. Ebd.
30. Ebd.
31. Am 12.9.1947, ebd.
32. Ebd.
33. Ebd.
34. Massaquoi, a.a.O., S. 114 f.
35. Personlakte Martin Duttge, StA HH, 361-3_A 2566 und Entnazifizierungsakte Duttge, StA HH, 221-11_Ed. 1027
36. Alle Angaben laut Personalakte Duttge, a.a.O. Vgl. auch Personalakte Karl Neumann StA HH, 361-3_A 2090 und Entnazifizierungsakte Neumann, StA HH, 221-11_Ed. 10355
37. Entnazifizierungsakte Duttge, a.a.O.
38. Ebd.
39. Personalakte Duttge, a.a.O.
40. Aktenvermerk Erwin Zindlers vom 27.12.1943, in PA Duttge, a.a.O. Sie auch Biografie Zindler.
41. Alle Angaben nach Personalakte Duttge, a.a.O.
42. Massaquoi, a.a.O, S. 64.
43. Laut Hamburgisches Lehrer-Verzeichnis Jahrgang 1962/63, hrsg. vom Verlag der „Gesellschaft der Freunde“.
44. Ebd.
45. Mit einem seiner beiden Söhne habe ich danach noch einmal korrespondiert, wobei er mir mittelte, dass sein Vater verstorben sei.
 

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Datenbank online Die Dabeigewesenen

Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Februar 2019: 716 Kurzprofile und 276 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startet online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen, wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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